Unschweigsam

Was ist Kunst?

Es ist schon ein bisschen her, dass ich im Neuen Museum war. Dort werden moderne Kunstwerke ausgestellt, bestehend aus einer grün bestrichenen Leinwand oder zusammengeklebten Zeitungsschnipseln oder Satelliten, in Alufolie eingewickelt.


Obwohl die meisten Modernen Kunstwerke mit der Rechtfertigung leben, sie sein eben anstößig und nicht da, um der breiten Masse zu gefallen, fand doch fast jeder aus unserer Klasse etwas, dass ihm imponierte. Bei mir war das zum Beispiel ein Zimmer, dessen eine Wand aus kleinen Bildschirmen bestand. Von der Decke hingen Kopfhörer, sorgsam in der gleichen Reihenfolge wie die Fernseher angeordnet. Die Stimmen, die aus ihnen drangen, erfüllten den Raum mit leisem Gerede. Nicht wie ein Murmeln oder Flüstern. Mehr, als hätte man eine Großstadt genommen, und ihr die Lautstärke runtergedreht.
Sah man nun die Bilder an, beobachtete man die unterschiedlichsten Menschen dabei, wie sie redeten. Manche waren alt, manche stammten aus fremden Kulturen, manche wirkten bedrückt, manche hatten schräge Frisuren, manche blickten die ganze Zeit über kaum in die Kamera.
Fast automatisch zog man sich einen der Kopfhörer auf. Und dann erzählte einer von ihnen; es war der, der auch dem Fernseher wenige Meter vor einem zugeordnet war. Ein paar waren darunter, die ein bisschen verlegen ihren Tag preisgaben, nicht sicher, was von ihnen erwartet wurde. Aus den meisten sprudelten aber Geschichten heraus. Ein alter Mann war unter ihnen, der aus dem Dritten Reich hatte flüchten müssen. Ich glaube, eine junge Frau erzählte von Drogenproblemen, die sie jahrelang begleitet hatten und ein Schwarzer von dem Gefühl, sich in diesem Land noch immer nicht gleichwertig zu fühlen. Manche Geschichten waren schnell erzählt und wenig außergewöhnlich. Andere dauerten lange, fesselten einen oder ließen einen bedrückt zurück. Ein paar wurden nur stockend vorgetragen, bis die Frau auf dem Bildschirm schwieg und ihren Kopf traurig vor der Kamera senkte.
Irgendwann hatte man genug gehört, dann nahm man den Kopfhörer, den man gerade trug, ab. Dann stand man wieder in dem Raum mit der leisen Großstadt, aber jetzt kannte man die Gesichter und ihre Geschichten, auch wenn es so viele waren und das, was sie sagten, nur ein unverständliches Murmeln aus einem der Kopfhörer war.
Der Künstler hatte beliebige Menschen aus den Straßen New Yorks gebeten, sich für sein Projekt ein paar Minuten Zeit zu nehmen. Das Ergebnis, dieser Raum, hat bei mir und einigen meiner Freunde einen ziemlichen Eindruck hinterlassen.


Ging man aus dem Raum heraus, fand man sich dann vor einer unförmigen Skulptur wieder, eine Plastik aus Abfall oder beschmierten Leinwänden. Ich sah sie mir an und versuchte herauszufinden, was sie ausdrücken wollten, ohne die Erklärungen zu lesen. Resigniert las ich dann doch die Tafeln.
Und ach, das grüne Kritzekratze war also eine wilde Sommerwiese.
Die fotografierte Hinterwand eines potthässlichen Gebäudes vermittelte eine tief sitzende gesellschaftliche Angst.
Die unifarbene Leinwald spiegelte das Bedürfnis der Künstlerin, sich erst einmal mit jeder Farbe im Einzelnen auseinander zu setzen.
Und während ich gleichgültig bis angewidert haufenweise Zeug sah, dass ich nicht mit dem Begriff „Kunst“ in Verbindung brachte, fragte ich mich, was dann Kunst eigentlich war.


Wenn es die Hörer mitreißt,
ist es Unterhaltung,
wenn nicht, ist es Kunst.

Louis Armstrong


In einem Berliner Museum waren auch Erklärungstafeln neben den Bildern gewesen. Sie waren ein viertel so groß, meistens stand nur etwas wie „Sonntagsspaziergang“ oder „Mädchen mit Strohhut“ dabei. Recht selbstverständliche Dinge. Die Bilder hatten wenig Aussage, aber sie waren phantastisch gezeichnet. Es war bewundernswert, mit wie viel Plastizität etwas aus dem Bild heraussprang, was für ein wildes Durcheinander scheinbar willkürlicher Striche ein harmonisches Ganzes ergaben.
Auch das Zimmer mit den Bildschirmen war Kunst für mich. Jeder Depp hätte die Kamera aufstellen können. Aber die Idee und die Umsetzung machten das Projekt zu etwas Besonderem, Einzigartigem.


Kunst ist deshalb für mich die Fähigkeit, etwas zu vermitteln. Die Wut des Künstlers, eine Landschaft, ein Gefühl von Sehnsucht, die Stimmung einer kleinen, bieder angezogenen Familie beim Sonntagsspaziergang. Um es gemein zu sagen: das Kunstwerk muss auch ohne den Künstler gut sein. Ohne seinen Lebenslauf und ohne seine Erklärungsversuche. Wenn der Maler das nicht schafft, und seine Kunst nur durch viel Gerede zu etwas Verständlichem und Guten wird, dann sollte er Redner werden, nicht Maler.

(Februar 2010)

2 Comments

  1. silentx sagt:

    dein Resumee bringts auf den Punkt *schmunzel*

  2. Land.EI sagt:

    Treffer!

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