Tolerante Liebe
Findest du Freude daran, wenn jemand anders Erfolg hat?
Spielt du fair, wenn du an einem Wettbewerb beteiligt bist?
Bist du intellektuell,
weißt aber, dass das alleine nicht zur Weisheit ausreicht?
Siehst du alles um uns als eine Illusion,
aber hast auch Freude daran, wenn du nicht Teil davon bist?
Hast du sowohl männliche als auch weibliche Eigenschaften,
hast ein politisches Bewusstsein und glaubst nicht an die Todesstrafe?
Findest du Freude am Tauchen,
siehst du ein, dass jemanden zu lieben sich wie Freiheit anfühlen kann?
Bist du witzig und kannst über dich selbst lachen,
liebst das Abenteuer und hast dir von möglichst vielen Dingen ein eigenes Urteil gebildet?
Bist du in Bett ungehemmt, öfter als dreimal die Woche, für Experimente aufgeschlossen?
Bist du sportlich?
Gehst du in einem Job auf, der deinem Nächsten hilft?
Bist du nicht süchtig?
Das alles fragt Alanis Morisette in dem schönen Lied “21 Things I want from a Lover” ab. Sie singt, es sein keine Notwendigkeiten, aber doch Qualitäten, die sie bevorzugen würde und auf die sie ihretwegen auch eine Weile warten kann.
Ich habe mich gefragt, worauf es denn nun wirklich beim Männchen oder Weibchen der Wahl ankommt.
Sind es allgemeine Qualitäten, die jeder sich aneignen kann? Ein bisschen Gepfegtheit, Wissen, Aufgeschlossenheit?
Sind es Qualitäten, die eben auch vom Suchenden abhängen, wie ein geteiltes Hobby und die übereinstimmende Einstellung zur Atomkraft?
Sind es Qualitäten, die derjenige kaum beeinflussen kann, wie Aussehen und Herkunft?
Ich denke, ich kenne eure Antwort:
Manches kann man beeinflussen.
Teilweise muss die Chemie stimmen.
Aber das ist nicht alles. Der arme Kerl mit Schuppenflechte und ausgeprägter Schizophrenie tut sich trotz Abitur und gleichen Hobbys schwer, aus seinem Singledasein rauszukommen. Auch wenn er verdammt wenig dafür kann.
Es ist alles drei.
Und damit kommt mir so eine Frage.
Die westliche Welt liebt Worte wie “Toleranz” und “Meinungsfreiheit”.
Wie weit gelten solche Werte eigentlich hier?
Angenommen, André, 24 Jahre alt, hat eine total liebe Kommilitonin im Semester. Sie war mit ihm öfters abends weg und hat angedeutet, dass sie ihn ehrlich interessant findet. Er merkt, dass sie Stil und Charme hat, sie ist nicht dumm, sie meint es ehrlich, sie ist rundum schwer in Ordnung. Aber irgendwie will er eben doch nichts mit ihr anfangen.
Er kann sich nicht vorstellen, mit einer Schwarzen zusammen zu sein.
Wie würdet ihr reagieren, wenn er euch das erzählt?
Ablehnend?
Ich tu mal so, als hätte ihr “ja” gesagt.
Dann kommen wir nämlich zur vierzehnjährigen Lisa, die ein Problem mit dem Kerl hat, der ihr einen Liebesbrief geschrieben hat. Sie kennt ihn kaum und würde normalerweise problemlos mal mit ihm ins Kino gehen, ihm ‘ne Chance geben. Aber sie hat ihn gesehen und weiß: Er ist ein ziemliches Schwergewicht.
Sie kommt ins Zögern. Vielleicht ist er ja nett. Und sie geht auch keine Verpflichtung ein, wenn sie sich nur mal mit ihm trifft. Ihm ‘ne Chance gibt. Aber sie will nicht.
Redet ihr ihr ins Gewissen?
Und dann ist da noch Lena, die bereits 32 ist und ihren kleinen Sohn alleine erzieht. Und als sie ihn vom Kindergarten abholt, lernt sie einen netten Mann kennen. Sie kommen ins Gespräch und kommen nur schwer wieder raus, treffen sich schließlich, finden Interesse aneinander. Sie findet, die sieben Jahre Altersunterschied sind auch voll im grünen Bereich. Aber dann erfährt sie, dass ihm gerade erst gekündigt wurde und er jetzt arbeitslos ist. Und sie gerät ins Grübeln: Mit fast 40 einen neuen Job zu finden wird schwer für ihn. Gleichzeitig wird ihr aber vielleicht die Unterstützung ihres Exmannes gestrichen, wenn sie neu verheiratet ist. Und der Kleine kommt bald in die Schule – das alles wird bestimmt nicht billiger.
Sie ist sich nicht sicher. Ihr Verstand sagt ihr, dass sie mit ihm langsam tun sollte.
Dabei hatte sie eigentlich von sich selbst den Anspruch, bei Männern nicht nur auf die Geldbörse zu sehen.
Was ist nun aus den Werten geworden?
Vor dem Gesetz sind Schwarze und Weiße, Dicke und Dünne, Arme und Reiche gleich. Und das findest du eigentlich auch ganz gut. Du hast selbst noch nie den Dönermann angepöbelt, verachtest deinen besten Freund nicht, nur weil seine Hüften etwas besser gepolstert sind, und gibst sogar manchmal den Geigenspielern in der Fußgängerzone ein bisschen was. Eigentlich hältst du dich für weltoffen.
Aber würdest du deshalb mit jedem gehen?
Und welche Gründe kannst du für dich akzeptieren, um “nein” zu sagen?
(November 2010)
Ich glaube, das mit der Toleranz funktioniert je nach Situation in verschiedenen Leveln.. je mehr man selbst (oder Personen, für die man verantwortlich ist) davon betroffen ist, um so weniger tolerant ist man..
das zeigt sich auch in den von dir genannten Beispielen.. als “eine (gute) Freundin” mag die schwarze Kommilitonin perfekt sein.. aber als Lebenspartner sind die Anspüche anders.. teils durch gesellschaftliche/familiäre Konventionen geprägt oder einfach durch das Unvermögen des Einzelnen, sich soweit aus dem eigenen “Standard” herauszubewegen.
Desweiteren spielen da halt auch die Erwägungen eine Rolle, die dein 3. Beispiel zeigt.. man kann oft seine Entscheidungen nicht nur für sich selber treffen, sondern muss auch die Auswirkungen auf andere (von einem abhängige Personen, wie Kinder usw) berücksichtigen und dann die eigene Entscheidung im Sinne der Verhältnismässigkeit erneut abwiegen und ggf. revidieren und entsprechend weniger tolerant sein.
In deinem 2. Beispiel würde ich dem Mädel schon zureden, sich nicht von solchen oberflächlichen Vorurteilen leiten zu lassen.. wenn sie das in dem Alter schon so sehr Einfluß nehmen lässt, wird sie später vielleicht nicht mal mehr einen guten schwarzen Kommilitonen akzeptieren können.. Wieder eine Frage der Auswirkungen.. jetzt und für später.
Mal den Faden weitergesponnen: Sie weist das Schwergewicht ab, der stürzt dadurch in eine tiefe Depression und versucht sich umzubringen.. das Mädel erfährt davon und erkennt den Zusammenhang.. und wird sich (wenn sie nicht unheimlich abgebrüht ist) ewig Vorwürfe machen, dass sie bezgl. des Kinobesuchs so kleinlich gewesen ist.
Die Gründe, die man selbst für ein “Nein” akzeptiert sind logischerweise auch von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden.
Es gibt da ein Zitat, welches recht gut trifft:
Hüte dich vor dem Entschluß, zu dem du nicht lächeln kannst. (Heinrich Friedrich Karl von Stein)
Toleranz je nach Betroffenheit. Hm.
Klingt ziemlich zutreffend, aber… sollte nicht so.
Wenn Toleranz nur gilt, wenn es einen eh nicht richtig tangiert, dann ist es keine Toleranz, sondern Gleichgültigkeit.
Bei dem Mädchen würde ich dir widersprechen:
Ich hab es vierzehn sein lassen, weil zu dem Punkt ein Freund zu einem guten Teil ein Statussymbol ist. Und wenn sie ihn ablehnt, dass unterbewusst vielleicht zu einem guten Teil, weil sie glaubt, dass andere Mädchen sonst denken, dass sie wohl keinen “besseren” abbekäme.
Das ist oberflächlich wie Sau, aber aus meiner Sicht in dem Alter irgendwo verzeihlich (und nicht in dem Alter umso schlimmer).
Ach, mehr Reaktionen auf deinen Kommentar gibt es übrigens hier:
http://www.spruch-archiv.com/forum/board-6-Diskussion/thread-2865
Tanja.. sicher
ist aber durchaus normal.. Wenn alle Menschen so wären, wie sie sein sollten, wäre die Welt wohl ein Paradies, niemand wäre arm, allein, ausgegrenzt usw.usw.usw
) nicht essen würdest, auch wenns für andere die Leibspeise ist (Fischaugen, Bullenhoden, Insekten, Würmer..?!).
Nimm doch mal ein einfacheres Beispiel.. es gibt bestimmt etwas, was du um’s verrecken (tschuldigung
Deine Toleranz geht sicher soweit, den andern ihr Leckerli zuzugestehen “Soll doch jeder essen, was er mag” oder? und wie geht der Satz weiter? “Solang ich das nicht essen muss!!”
hab ich recht?
Oder lass uns mal das Genre wechseln: Wie betroffen bist du, wenn du in den Nachrichten hörst, dass jemand jemanden (beide kennst du nicht!) umgebracht hat?
Wie betroffen bist du, wenn du einen der beiden irgendwie kennst? Und wie denkst du, wenn einer der beiden (oder beide) aus deinem engsten Familienkreis kämen?!
Du wirst da eine breite Palette von Reaktionsmöglichkeiten und Gefühlen bei dir finden
und bezüglich der fremden Akteure ist das Ganze ist dann keine Gleichgültigkeit, sondern nur normale, abgestufte Toleranz (im weiteren Sinne).
Toleranz ist doch nur die Spanne zwischen dem was vorgegeben ist und dem, was real erreicht wird. Stellt sich dann die Frage, wer hat da was vorgegeben und mit welchen Zweck? Je nach Zweck wirst du große und kleine Toleranzen finden.. genauso funktioniert es im realen Leben
alles ist irgendwie relativ^^
Genauso funktioniert das in andern Bereichen des Lebens und erst recht, wenn es um (zwischenmenschliche) Beziehungen geht. Selbst innerhalb einer bestehenden Beziehung findest du das.
Wenn du über dich und deinen Freund nachdenkst, wirst du sicher Dinge finden, die an ihm oder eurer Beziehung nicht perfekt sind?!! Solange das Gesamtergebnis erträglich/positiv ist, wirst du diese Minuspunkte tolerieren, selbst wenn sie dich im Einzelnen durchaus gelegentlich verärgern und du dir sehr wünschst, dass es anders wäre..
Verändert sich die Bilanz der Beziehung und das Ergebnis ist insgesamt eher schlecht/negativ, dann kann man plötzlich nicht mal mehr diese Dinge tolerieren, die man bis dahin mit dem Positiven aufgewogen hat (hat auch was mit der rosaroten Brille der Verliebten zu tun, die sich im Lauf der Zeit entfärbt und den Blick auf die Realität freigibt).
Plötzlich sind diese ursprünglich tolerierten Punkte k.o. Kriterien, an denen der Partner und die Beziehung gemessen und gerichtet werden. Das Ende?: das Ende (der Beziehung und der Toleranz)^^
Ist man schon vor der Beziehung -quasi bei der Auswahl- so “intolerant” und schliesst einen Menschen aus dem Kreis der möglichen Partner aus, mag das evtl. hart sein oder gemein oder wie auch immer man das nennt oder es von dem andern empfunden wird, aber es wird beide! später vor einem böseren Ende der Beziehung bewahren, weil dann Schuldzuweisungen unterbleiben können, die sonst unweigerlich auf den Haufen der negativen Punkte aufgeschlagen werden, wenns dann an die Abrechnung der Beziehung geht. Oder um Joy’s Beispiel zu folgen: sie behält ihren vertrauten freund als ebensolchen…
Und um noch mal auf das 14 jährige Mädel zurück zu kommen: Sicher ist das irgendwo verzeihlich, trotzdem kann man ihr (da sie sich ja noch im Lern/Persönlichkeitsbildungsprozess befindet) durchaus nen Rat geben und ihr mögliche Konsequenzen aufzeigen, die sie aufgrund mangelnder Lebenserfahrung vielleicht nicht sieht/bedenkt. Was sie dann damit anfängt, ist dann immer noch ihre Sache.