Neue Worte für alte Werte
Die einzige Frage, die in eurem Leben zählt,
ist nicht einmal, ob ihr an Gott geglaubt habt oder nicht
Sondern, was habt ihr gemacht,
als ihr Menschen gesehen habt,
die hatten Hunger, die hatten Durst,
die waren nackt oder liefen in Lumpen herum
Die waren in Gefängnissen, die waren Fremde
Wie ihr in diesen Momenten gehandelt habt,
das entscheidet darüber, was ihr für Menschen seid
Und jetzt verrate ich euch ein Geheimnis
Es wird Gott am jüngsten Tag euch selber erklären,
dass ihr ihn gefunden habt,
wenn ihr auf diese Menschen zugegangen seid
Und sonst könnt ihr Messen besucht haben, soviel ihr wollt,
Gottesdienste abgeleistet haben, soviel ihr wollt,
euch vor dem Papst zu Boden geworfen haben, soviel ihr wollt
Das alles wird genau nichts mehr nützen
Wenn ihr auf diese Menschen nicht zugegangen seid,
habt ihr Gott nie kennen gelernt
nach Jesus Christus
Als ich den Spruch das erste Mal gelesen habe, bin ich darüber gestolpert, dass Jesus den Papst erwähnt. Also: Der Spruch ist nicht wörtlich von Jesus und ist auch so nicht in der Bibel zu finden.
Es ist eine Neu-Interpretation seiner Prinzipien, die irgendwer mal in seinem Namen aufgeschrieben hat.
Ich finde es gut. Es ist gut formuliert und es entspricht aus meiner Sicht ziemlich gut dem, was Jesus sagen wollte. Und das wichtigste: Es ist bitter notwendig, wenn eine Religion nicht unsinnig werden soll.
Jesus kann ein Genie für seine Zeit gewesen sein. Meinetwegen auch ein Sohn Gottes. Trotzdem musste er für die Menschen sprechen, die sein Wort überliefern sollten. Und das geht, will man es verständlich machen, viel leichter anhand von Gleichnissen, Bildern und mitunter konkreten Regeln.
Nach ihm ändern sich die Zeiten.
Die Gleichnisse werden unklar, wenn die wichtigen Berufe (wie der des Hirten) aussterben.
Die Aussage wird unverständlich, wenn sie in zu alte, fremde Worte gefasst ist.
Und die Regeln entsprechen nicht mehr dem ursprünglichen Prinzip, wenn sie beibehalten werden, ohne die neuen Erfindungen zu bedenken.
Ein gutes Beispiel finde ich dafür das Schächten. Es ist die jüdische und muslimische Art, Tiere zu schlachten, so dass sie ausbluten. In erster Linie ging es darum, Tiere möglichst schnell und human zu töten (in der Tat dauert es verhältnismäßig kurze 5-10 Sekunden).
Daneben gilt das Blut als Sitz der Seele und darf deshalb nicht gegessen werden. Allerdings muss man die Organe trotzdem noch waschen oder trocknen, und das Blut bekäme man wohl auch anders aus dem Körper, wenn man wollte
Heute gibt es schnellere und schmerzfreie Methoden. Eigentlich im Sinne des Prinzipes. Aber die damalige Regel ist so weit zur Tradition verkommen, dass man meist noch immer danach vorgeht.
Damit so etwas nicht passiert, muss man sehr auf die Ursprünge achten. Was war das Prinzip, was war der Gedanke dahinter? Und wenn man, sorgfältig und begründet, es schafft, den alten Gedanken aufzugreifen, und in neuer Sprache, in neuen Bildern und mit Regeln, die dem jetzigen wissenschaftlichen Stand angemessen sind, neu zu verfassen, ist das aus meiner Sicht eine phantastische Leistung.
Es ist nicht “unreligiös”, die Bibel aufzufrischen und zu interpretieren:
Früher hat ein Prophet den Leuten von neuem das Alte klargemacht, mit neuen Vergleichen.
Nach Jesus, der für Christen der Messias ist und somit die Zeit seiner Ankündiger (Propheten) beendet, ist die Erneuerung nicht mehr so gegeben. Trotzdem war er es, der das Alte Testament noch einmal so grundlegend auffrischte, dass das Christentum zur eigenen Religion wurde.
Für seine Nachfolge in dieser Rolle waren aus meiner Sicht die Päpste zuständig. Hat aber nicht ganz so geklappt, denn die meisten waren doch eher… konservativ angehaucht.
Also hat Martin Luther sich daran gemacht, die ganze Weltlichkeit der Geistlichen wieder auf den Boden zu holen und an die eigentlichen Ideale zu erinnern.
Und heute? Heute frischt das niemand auf.
Und so steigt die Zahl von Atheisten, die sagen, dass die alte Schrift ihnen nichts gibt.
Und ein paar Menschen rennen von Haus zu Haus und versuchen, alte Worte und alte Bilder und alte Regeln so zu interpretieren, dass alles Neue damit bewertet werden kann.
Dann weiß man, wie man umgehen muss mit Stammzellenforschung und Sterbehilfe.
Letztenendes hilft das aus meiner Sicht nicht – wir müssen selbst nachdenken. Vor 2000 Jahren wurden wohl die Antworten auf einige Fragen gegeben, aber doch nicht auf alle. Der Rest liegt noch immer bei uns.
Ob wir dafür nach unserer Moral gehen; oder ob wir nach religiösen Maßstäben gehen wollen und in der Bibel den Konsens suchen, der uns eine Richtung gibt, ist fast egal. Beides ist schwierig, beides kann zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Es muss die sein, die zu uns passt. Die wir für richtig fühlen, über die wir uns Gedanken gemacht haben und die wir auch ein bisschen begründen können.
Natürlich ist es schwierig, deshalb kommen Gegenstimmen auf: Gott sieht alles, auch die Zukunft. Gott wusste von unserem Fortschritt, Gott kennt die Antwort auf all das. Und wenn er sie kennt, dann hat sie Jesus auch bestimmt mal gesagt. Und dann steht es auch in der Bibel, nur vielleicht in anderen Worten.
Nehmen wir an, Jesus wusste wirklich die perfekte Lösung für die Stammzellenforschung. Vielleicht hat er zu seinen Jüngern gesagt “Hört mal, ihr versteht das jetzt vielleicht nicht, aber in der Zelle steckt schon Leben. Ihr dürft das ungeborene Kind nicht missbrauchen, und wenn ihr das Material trotzdem so dringend braucht, dann nehmt es doch bitte aus der Nabelschnur!”
Und vielleicht sahen sich die Jünger kurz an, zuckten mit den Schultern, und als das ganze 100 Jahre später von anderen Männern aufgeschrieben wurde, ließ man das einfach weg. Vielleicht hatte man es vergessen, vielleicht erschien es einem unwichig, vielleicht dachte man an die armen Leute, die es lesen würden, und keine Ahnung hatten, was das sollte. Vielleicht brachten sie es auch rein, aber in schon interpretierter Form, wie sie es verstanden hatten.
Jedenfalls schrieb Jesus nichts selber auf. Und so muss man bedenken, dass die, die es für ihn aufschrieben, nur Menschen ihrer Zeit waren. Mit damaligem Horizont von Verständnis und mit einem ganzen Stück Zeit dazwischen.
Deshalb kann man aus der Bibel nur das nehmen, was damals schon verstanden wurde. Und wenn dort stände “Gehe mit einem Pflug mit vorgespannten Ochsen über dein Land”, dann ist das kein Verbot, stattdessen einen Traktor zu nehmen.
Und wenn jemand sich die Mühe macht, und für die neue Generation aufschreibt “Bearbeite dein Land”, dann beugt das wohl möglich vielen Missverständnissen vor.
Tradition ist nicht das Bewahren der Asche,
sondern das Schüren der Flamme
Jean Jaures
Soweit zu Theorie. Aber ich sehe natürlich auch die Probleme.
Viele neue Glaubensgemeinschaften versuchen sich bereits darin, die Bibel neu zu interpretieren. Sie sind nicht sonderlich anerkannt, werden Sekten genannt, sind meist nicht sonderlich verbreitet, isolieren sich oft von der restlichen Gesellschaft. Manche sind intolerant, machen ihre Anhänger psychisch kaputt oder treiben sie finanziell in den Bankrott.
Es ist gefährlich, das Alte aufzufrischen. Man muss vorsichtig sein, viel Ahnung von den damaligen Umständen und ein gutes moralisches Verständnis haben. Und schief gehen kann es trotzdem.
Zweitens meinte mein Vater mal, wir leben nicht mehr in der Zeit für Propheten. Menschen sind skeptisch, schwerer zu verängstigen, schwerer zu begeistern. Ein Mensch ohne politische Macht, der Regeln angibt, die teilweise kompliziert und unbeliebt sind (siehe Ehebruch), und alle sagen “hey, das ist es“… das ist viel schwieriger geworden.
Und drittens ist Religion zu einem guten Teil Tradition. Es tut Menschen gut, ein paar feste Regeln und Prinzipien zu haben, die nicht mehr hinterfragt werden. Auch wenn es das Wesen der Religion sein sollte, nach den religiösen Werten zu handeln und aktiv seinen Glauben zu vertreten; werden viele einfach einmal in der Woche in die Kirche gehen wollen, dort über sich und die anderen nachdenken, ein bisschen die Geschichten aus der Bibel hören, und dann wieder in der Alltag zurück.
Dem Finanzamt, dem Ekel von Chef und anderen Feinden zu verzeihen,
das Geld und die Geschenke bei Konfirmation und Erstkommunion etwas runterzudrehen
und den Papst demokratisch zu wählen, das sind Dinge, die gehen den meisten dann doch etwas zu weit.
(November 2009)