Unschweigsam

Die Problematik von Wundern

Wieso gibt es eigentlich keine Wunder mehr?

 

Eine der leichteren Erklärungen ist, dass das, was als “Wunder” galt, einfach nicht mit der damaligen Wissenschaft zu erklären war. Die Wunder waren Tricks oder schlichte Phänomene, die Menschen damals zu ungebildet und naiv. Folglich ist der Mensch einfach “zu alt”, um noch an Wunder zu glauben.
Die Zeugen Jehovas haben unter anderem die Erklärung, dass Wunder den Juden und Christen in der Anfangszeit halfen, Fuß in der Religion zu fassen. Etwa so, wie man ein Kind noch an die Hand nimmt, beschützt und ihm nicht alle Wahrheiten über Krieg und Armut erzählt, um es zu schonen. Inzwischen sei der Glaube aus Gottes Sicht fest genug, als dass die Menschen auf eigenen Beinen stehen müssten; sie werden nicht mehr so fest an die Hand genommen und Wunder gibt’s erstmal auch keine mehr.
Das ist eine nette Erklärung, mit dem Haken, dass Gott bemerkt haben müsste, dass der Mensch in seinem Glauben alles andere als standfest ist.
Ich frage mich, ob die Frage nicht falsch gestellt ist. Ob es wirklich an Wundern fehlt, oder nicht eher an dem echten Bedürfnis, Wunder zu sehen. Wenn Wunder geschehen würden, würden sie etwas an unserem Glauben ändern? Oder würden wir sie ignorieren und wegerklären?

 

Einzelne Wunder geschehen vermutlich. Wenn man alle unerklärlichen Phänomene, die auf der Erde so passieren, auf einen Haufen wirft, aufnimmt, gut darstellt und einem Menschen vorführt – ich schätze, er wäre spontan sehr empfänglich für Religionen.

 

Es gibt einiges, was die Wissenschaft wohl nicht endgültig erklären kann. Galileo Mystery füllt Stunden damit (okay, die füllen auch Stunden mit Dingen, für die es eine Erklärung gibt… aber ihr wisst schon). Die Geschehnisse sind weit verstreut auf der Erde, teilweise gibt es einfach nicht genug Zeugen, als dass sie ernst genommen würden. Manches ist aber auch allen ein Begriff. Zum Beispiel Telekinetik. Dann kommen Witzbolde wie Uri Geller, machen eine Menge Geld damit, werden in ihrem Schwindel überführt und alle sagen sich, Telekinetik ist Blödsinn.
Ich glaube selbst nicht, dass Menschen durch die Macht ihrer Gedanken Gegenstände verrücken können. Aber spricht man im Zweifelsfall für den Angeklagten (das Wunder), dann muss man doch zugeben, dass es nicht überführt wurde. Überführt wurde ein Schwindler, während das Wunder vielleicht schweigend in der Ecke sitzt und nicht die Gelegenheit hatte, sich glaubwürdig zu präsentieren.

 

Dann gibt es natürlich noch die ganz großen Wunder, wie das Wunder des Lebens. Wenn man sich vorstellt, wie sich alles entwickelt hat und wie wir heute leben, dann ist das für viele so unglaublich, dass es für eine eigene Überzeugung reicht: “Intelligent Design”. Besonders in den USA (wo auch sonst) ist es verbreitet, nicht glauben zu wollen, dass wir durch Zufall mit so vielen praktischen Features ausgestattet sind.
Den meisten Menschen stellen sich unter einem Wunder aber etwas anderes vor. Ein einprägsames Erlebnis, am besten von ihnen selbst miterlebt. Was man täglich erfährt, raubt einem nach kurzem nicht mehr den Atem.

 

Es muss also mehr als ein einmaliges Erlebnis sein – denn ein einzelnes ist schnell vergessen. Es muss einem immer wieder vor Augen geführt werden, immer wieder neu, immer wieder umhau’n. Dann würde es vielleicht als Wunder akzeptiert.
Und wenn Forscher im Weltall dann auf schwarze Löcher und ungewohnte Materie stoßen, die ja schon fast auf die eben genannten Kriterien zutreffen, dann kommen Physiker und geben vorläufige Teilerklärungen. Nicht, dass sie unrecht hätten mit ihrer Erklärung. Aber sie erfüllen mit aller Macht das Bedürfnis der Menschen, Klarheit zu haben.
Fliegende Äpfel, die der Gravitation trotzen, Aliens vorm Schlafzimmerfenster, Übermächte, die man nicht einschätzen kann – das will keiner. Dann lieber die Worte eines renommierten Wissenschaftlers, “die Erklärung sei zwar fürchterlich kompliziert, aber es ginge trotzdem alles mit rechten Dingen zu”.

 

Das beruhigt – und vernichtet Wunder.

 

Und damit haben wir ein weiteres Kriterium: Es muss von allen Menschen positiv empfunden werden, auf keinen Fall Angst einflößend.
Damit ist für mich eigentlich schon klar, wieso es Wunder so schwer haben.

 

Sieht nur ein Mensch ein Wunder, ist er verrückt.
Sehen mehrere Menschen ein Wunder, sind sie Esoteriker.
Sehen alle Menschen ein Wunder, wird es objektiviert und erklärt, bis sich alle beruhigt haben.

 

Ich glaube, Wunder haben einfach keine Überlebenschancen mehr.
Es mangelt an der ehrlichen Nachfrage.

(Oktober 2009)

2 Comments

  1. Land.EI sagt:

    Also echt: Galileo, und dann auch noch diesen Spin-off Galileo Mystery, zu bemühen, spricht nicht für dich…. *g*

  2. Tanja sagt:

    Ach komm, hätte ich es weglassen sollen? :)
    Die Sendung, die selbst nach einer völlig rationalen, wissenschaftlichen Erklärung noch hinterherwirft “Aber ist das wirklich so? Erklärt das den Spuk? Oder ist vielleicht die Version mit den kettenrasselnden Gespenstern die richtige?”
    Ich glaube, es gibt kaum eine Sendung, die so auf wissenschaftlich und modern macht, und gleichzeitig wochentlich erklärt, dass es Unerklärliches gibt. :)

    Und zwischen Galileo und Galileo Mystery sehe ich jetzt auch keinen großen Unterschied mehr, außer dass in der Mystery-Version der ein oder andere Beitrag auch ohne Schleichwerbung finanziert wird…

Hinterlasse eine Antwort