Unschweigsam

für Christian

Die Welt dreht sich.
Das war ihrer Oma zum Verhängnis geworden. Soviel war Merle klar.
Würde die Erde sich nicht drehen, oder doch zumindest nicht so schnell, dann wäre Oma noch hier.
Aber Oma war alt gewesen. Sie hatte sich so viel angesammelt, an Leben und an Wissen und an Geschichten und Kuchenrezepten. Sie war einfach zu schwer geworden, um hier bleiben zu dürfen.

Merle wusste, wie so etwas ablief. Sie hatte es oft im Mixer beobachtet. Zuerst waren die Erdbeeren traut versammelt. Dann drehte sich das Gerät, und die schweren Früchte flogen gegen die Wände. Öffnete man den Mixer, dann konnte man sehen, dass ein paar kleine Stücken noch in der Mitte waren. Es war ihr Glück, dass sie so klein und leicht waren. So hatten sie in der Mitte bleiben können.

Genauso drehte sich die Welt. Denn was sich so schnell drehte, das wurde zur Zentrifuge.
Merle war klein. Ihre Gedanken waren leicht, ihr Seelchen hatte klein Problem, sich festzuhalten.
Aber Oma hatte ihre ganze Lebengeschichte auf dem Rücken, dazu noch die schweren Gedanken aus mehreren Jahren Weltkrieg. Sie war der Erde zu schwer geworden. Und so hatte die Erde sie abgeschüttelt, hinaus in den Himmel geschleudert.

Merle versuchte, zwischen den Wolken hindurch zu sehen. Oma war nicht zu erkennen. Vielleicht war sie schon zu weit weg. Vielleicht war die Erde einfach ein paar Schritte weiter um die Sonne gegangen. In großen Schritten ihre Umlaufbahn entlang. Und Oma schwebte derweil weiter, Meile um Meile ihrem Planeten ferner.
War sie traurig, dass sie nun zum Schweben verdammt war?
Oder hatte sie sich ihre eigene Umlaufbahn gesucht, nah bei der Sonne, wo es schön warm war? Und da breitete sie nun vielleicht die Arme aus, ihr blaues Nachthemd flatterte im Fahrtwind, und sie schloss die Augen und genoss den Flug…
Nein. Dafür hatte sie noch die Ewigkeit Zeit. Merle kannte Oma. Sie würde sicher gehen, dass es hier unten auch ohne sie ordnungsgemäß weiter gehen würde.
Wahrscheinlich hatte sie sich kurzerhand auf den Mond gesetzt. Dort kreiste sie um die Menschen hier unten und sah ihnen zu. Vielleicht würde sie im vorbeikreisen auch das ein oder andere Rezept für Hackbällchen oder Streuselkuchen aufschnappen. Man lernt schließlich immer dazu.
Vor allem aber würde sie darauf achten, ob alles mit rechten Dingen zuging. Ob Merle nicht zu lange weinen würde. Oma mochte keine Tränen. Hauptsächlich, wie Merle festgestellt hatte, weil sie ihnen nicht standhalten konnte, ohne dass ihre eigenen Augen feucht wurden.
Und wenn Oma sicher gehen konnte, dass es okay ging, dass sie einfach so gegangen war, dann könnte sie sich in den Wind stellen, bis sich ihr Nachthemd aufblähte, und dann würde sie schließlich losfliegen und sich ihre Umlaufbahn suchen.
Nahe bei der Sonne, wo es schön warm war.

Merle wollte sie nicht länger aufhalten. Sie nahm eine der Rosen, trat an den Rand der Grube, und warf sie hinunter. Der Bogen, den sie flog, sah traurig aus. Doch sie landete sanft und schön auf dem hellen Holzdeckel.
“Guten Flug”,
flüsterte Merle leise. Das galt Oma.
Ein leiser Wind streifte Merles Nacken. Oma hatte gewusst, das war ihr Zeichen.
Sie war abgesprungen.
Sie lies ihren kleinen Beobachtungsposten, den Mond, zurück, und was von ihr blieb,
war nur ein kleiner Windhauch.
Gleich würde sie die Arme ausbreiten.
Auf ihrer Umlaufbahn, wo es schön warm war.

(Oktober 2009)

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