Unschweigsam

Frau Martens

„Wieso“, fragte Frau Martens, „warst du nicht bei mir?“
Sie fand, dass sie ein gewisses Recht auf diese Frage hatte. Ihre letzten Monate waren turbulent gewesen. Zuletzt war sie sogar ertrunken.
„Wieso hast du dich nicht mal gezeigt? Das hätte alles so viel leichter gemacht!“

Gott wog seinen Kopf leicht zur linken und zur rechten Seite, als suche er eine Erklärung.
„Ich glaube, mir geht es ein bisschen wie allen Künstlern. Ich kann nicht“
„Aber du bist allmächtig!“
„Ja, für euch bin ich das wohl. Ich meine, ich kann einen Ozean erschaffen. Ich kann Meere teilen. Ich kann Wolken an euren Himmel malen, die wie Kamele und U-Boote aussehen.“
„Aber?“
„Aber ich komme nicht rein.“, er zögerte kurz. „Denk an einen Maler. Er kann das Paradies zeichnen – aber es bleibt ihm verweigert, seine eigene Zeichnung zu erleben.“, er blickte sie an. „Denk an einen Bildhauer. Er kann eine eigene Welt zusammenmeißeln, er kann sogar ein Abbild von sich in den Stein meißeln – aber das ist nicht er, das ist sein Abbild. Oder denk an einen Schriftsteller. Er ist ewig von der Welt zwischen den Buchdeckeln ausgeschlossen.“
„Oh“, machte Frau Martens. Sie gingen ein Stück weiter. Sie konnte nicht genau sagen, wo sie war. Es fühlte sich so verwaschen an. Es war kein beängstigender Ort. Doch die Konturen schienen zu verwischen, sobald sie sie mit den Augen fixierte.

Was war mit den anderen Gerüchten, die es so über Gott gab? „Was ist mit deiner Allwissenheit?“
Sein Blick driftete in die Ferne, „Ich schätze, ich weiß mehr über euch und euer Universum, als ihr je rauskriegen werdet. Und ich kenne eure Gefühle und zu einem guten Teil eure Zukunft. Ich habe sie geschaffen. Ich werde sie schaffen. Für alles, was ihr kennt und euch vorstellen könnt, für alles, was euch umgibt, bin ich allwissend.“
Frau Martens schluckte. Wieder machte sie ein paar vorsichtige Schritte auf dem angenehm warmen Untergrund.

„Und deine Ewigkeit?“
Gott machte eine ausholende Geste: „Egal, wie lange die Welt andauert – mein Leben geht darüber hinaus. Ein Kunstwerk, das nicht vollendet ist, stirbt immer vor dem Künstler. Eher geht eure Welt unvollendet unter, als dass sie ohne mich weiterlebt. Wenn eure Welt für euch ewig dauert, dann lebe ich ewig und einen Tag. Für euch lebe ich ewig.“
Frau Martens fühlte einen leichten Schwindel. Die Welt würde nicht einmal bemerken, dass sie untergeht… es wäre niemand da, der ihr Ende schreibt.

Vor den Augen von Frau Martens erschien plötzlich das Bild ihrer Nichte. Die setzte sich ad hoc auf ihren Schoß und lehnte sich an die Brust ihrer Tante. Frau Martens strich über den Rücken ihrer Nichte, wog sie sanft hin und her, atmete tief ein und aus… und die Wogen glätteten sich. Ein wohliges Gefühl umgab sie. Alles schien wieder einfacher und verständlicher.

Als Frau Martens einige Minuten wie in Trance so mit ihrer Nichte gesessen hatte, hopste diese plötzlich wieder von ihrem Schoß. Lächelte ein breites Kinderlächeln in ihr Gesicht, drückte ihr einen Bündel Feldblumen in die Hand und schlug ein Rad. Weg war sie.

Langsam erinnerte sich Frau Martens wieder an die vergangenen Worte Gottes. Sie schluckte und zupfte ein welkes Blatt aus dem kleinen Blumenstrauß. Sie fühlte sich merkwürdig. Dann runzelte sie die Stirn.
„Aber, wenn du nicht in deine Schöpfung hineinkommst… wie kannst du dann hier sein?“
„Du träumst. Du träumst jetzt einen sehr, sehr langen Schlaf aus. Und im Traum ist alles ein bisschen anders.“, wieder driftete sein Blick in die Ferne, als suche er einen Anhaltspunkt, an dem er die Dinge verständlich machen könnte. Frau Martens schätzte, dass es nicht leicht für ihn war, in Vergleichen einer Welt zu sprechen, zu der er gar nicht gehörte.
Er fuhr fort: „Eure Träume sind meistens ziemlich wirr, weil sich zwei Dinge darin vermischen. Eure Welt und meine. Ihr seht mit euren Augen, verarbeitet darin das, was ihr kennt und erlebt habt – doch zwischen den Schnüren des Vertrauten webt sich manchmal ein kleiner Faden meiner Wahrheit ein. Das bringt die Ordnung durcheinander. Das macht Träume so fürchterlich sprunghaft und unlogisch.“

Frau Martens nickte langsam. Dann erinnerte sie sich an die Dinge, die sie vor ihrem Gespräch mit Gott erlebt hatte. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie gestorben war. Sie blickte Gott an: „Der Tod ist ein Traum?“
„Das macht es einfacher für euch.“
Frau Martens blickte verständnislos.
„Ihr bekommt die Wahrheit scheibchenweise. Geballt und auf einmal wäre sie nicht zu ertragen.“
In der Ferne winkte noch einmal ihre kleine Nichte.
Frau Martens winkte irritiert zurück.
„Ich weiß nicht, ob ich das will…“
„Tot sein?“
„Das auch. Aber mehr, ob ich ewig in einem Traum gefangen sein will.“
Gott lächelte: „Du denkst so, weil du Träume als etwas Unwirkliches und Endliches kennst. Es geschehen unverständliche Dinge darin, du fühlst dich ausgeliefert. Und am nächsten Morgen war alles nur ein nächtlicher Spuk, und nichts gilt mehr.“
Frau Martens nickte. Gott blickte sie verständnisvoll an.
„Glaub mir“, sagt er langsam, „dieser Traum ist wirklicher als alles, was du jemals erlebt hast. Und du wirst mit der Zeit immer mehr verstehen. Es wird nicht mehr wirr sein, du wirst nicht plötzlich aufwachen. Du brauchst dich nicht davor zu fürchten.“

„Aber, wenn ich jetzt tot bin“, setzte Frau Martens an, „was ist dann mit dem… jüngsten Gericht? Was ist mit der Hölle?“
Gott sah aus, als würde ihm diese Frage nicht gefallen. „Wieso sollte ich das tun? Wieso sollte ich euch zu so etwas verdammen?“
„Es ist also nicht Wahres daran?“
„Ich schenke euch die Wahrheit. So viel Wahrheit, wie ich euch nur geben kann. Weil ich dass für richtig halte. Hältst du das für richtig?“
„Ich denke schon…“
„Vielleicht ist es falsch, seinen Kindern nicht von Anfang an reinen Wein einzuschenken. Vielleicht sollte man die Geschichten vom Weihnachtsmann und die Sache mit eurem Universum weglassen. Beides ist, wenn man es streng nimmt, ein wenig… geflunkert.“
Frau Martens dachte nach. „Aber es ist auch schön. Ich habe mein Leben geliebt.“
„Und deine Nichte liebt die Geschichten vom Weihnachtsmann. Trotzdem wirst du ihr irgendwann die Wahrheit sagen, wenn die Zeit reif ist.“
Frau Martens spürte bei diesen Worten ihre Augen feucht werden. Konnte sie das jetzt denn noch?
„Aber sicher kannst du das“, sagte Gott leise. „Sie träumt sich doch immer wieder zu dir“.
Frau Martens lächelte bei dem Gedanken. Das würde den Tod leichter machen.
„Trotzdem“, fuhr sie fort, „Was hat die Wahrheit mit der Hölle zu tun?“
Gottes Blick wurde traurig: „Sie ist für manche die Hölle. Wenn sie die Wirklichkeit erkennen, wird ihnen klar, wie unnötig das Leid war, das sie erzeugt haben. Und manche haben eine ganze Weile daran zu knabbern.“
Frau Martens schluckte. „Werde ich auch bereuen?“
„Ein paar Dinge sicherlich. Aber meistens hast du nach bestem Gewissen gehandelt. Das wird dir deinen Frieden geben. Du hast meist so gut gehandelt, wie es dir möglich schien. Das ist eine gute Voraussetzung, um sich hier wie im Himmel zu fühlen.“

Frau Martens drehte wieder den kleinen Strauß Blumen in ihrer Hand. Wieder brauchte sie eine Weile, um das Gesagte zu verdauen.
Plötzlich durchfuhr sie ein Gefühl der Ungerechtigkeit. „Aber“, sagte sie stockend, „du hast sie doch geschaffen! Du hast ihnen doch ihre Gefühle und ihre Bösartigkeit mitgegeben! Du hast doch das Leid erst erzeugt! Wie kannst du sie in eine Lage bringen, die sie jetzt bereuen müssen?“
Gott sah nicht aus, als fühlte er sich ertappt. Trotzdem blickte er bedauernd.
„Du erinnerst dich an den Bildhauer, der alles meißeln kann, und doch nicht selbst zur Statue werden kann, nicht wahr?“
„Sicher.“
„Und du weißt, dass ein Bildhauer wirklich Erstaunliches schaffen kann… doch er wird es nicht hinbekommen, eine Statue zu erstellen, die größer ist als der Stein, mit dem er begann.“
Frau Martens nickte langsam, nicht sicher, ob sie verstand.
„Ein Fotograph ist in seinem Schaffen noch stärker eingeschränkt. Er kann seine Objektive austauschen, kann sich um Kontrast und Farbton kümmern – doch niemals wird er sich weit von dem entfernen können, was ihm die Natur als Motiv zur Verfügung stellt.“
Frau Martens nickte etwas sicherer. Dieses Problem war ihr vertrauter.
„Ich will nicht sagen, dass ich eingeschränkt bin. Doch es gibt zwei Grenzen meines Tuns: Die physikalischen Gesetze des Leblosen und der freie Wille des Lebendigen.“
Gott sah nicht zufrieden aus, als er das sagte.
„Ich kann einem Stein nicht sagen, er möge die Schwerkraft überwinden. Und ich kann einem Vater nicht sagen, dass er seine Kinder gut behandeln soll. Ich kann nur über Umwege Dinge verhindern und Menschen beeinflussen. Und manchmal reicht das nicht. Manchmal kann kein Stein, allein von physikalisch logischen Kräften bewegt, die Lawine aufhalten. Und manchmal ist ein Mensch so uneinsichtig, dass er das Leben vieler nachhaltig schlecht beeinflusst. Und dann treibt sich der Motor ganz von selbst in eine andere Richtung.“
Frau Martens senkte den Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob sie das gerecht finden sollte.

Einige Schritte weiter verlangsamte sich Frau Martens’ Schritt. „Was wird jetzt geschehen?“
„Du wirst weiterträumen. Es gibt eine Menge zu entdecken.“
Schweigend wandelte sie weiter neben ihm her. Bis sie irgendwann bemerkte, dass er verschwunden war.
Sie sah sich um. Und langsam, ganz langsam wurden die verwaschenen Konturen um sie herum etwas klarer.
Sie erkannte noch nicht viel. Aber ihre Augen würden sich irgendwann an den Tod gewöhnen. Wie man sich an eine plötzliche Dunkelheit gewöhnt. Und dann würde sie die Dinge in einem neuen Licht sehen.

 

(Juni 2011)

1 Comment

  1. silentx sagt:

    interessanter Gedankengang… hat was..
    “dein” Gott ist mir auch irgendwie um Längen sympathischer als der, den die Kirche so vor sich herträgt :-D er ist irgendwie so … menschlich ^^
    schade, dass die beiden sich nicht auch über dieses Thema unterhalten haben.. du könntest eine Serie aus der Geschichte machen.

Hinterlasse eine Antwort