Die Todesbotin – Frederike Down
Runde Babyfüße in zu kleinen Sandalen wippten in unregelmäßigem Takt durch die Luft. Hoch und runter, wenige Zentimeter, erreichten sie immer wieder die Heizung, was ein dumpfes, leises Geräusch erzeugte. Der Blick des kleinen Mädchens hing einen Moment an seiner Mutter fest, die etwas Unverständliches murrte, dann wanderte er wieder aus dem Fenster. Auf ihrem Fensterbrett saß sie, von wo aus man den gesamten Hof überblicken konnte. Das Grau der Mauern und Wände wurde stellenweise von Efeu bedeckt, Lastwagen sorgten für Staubwolken und den entsprechenden Lärmpegel. Ein grässlich langweiliges Bild.
Frederike rutschte ein winziges Stück nach vorne, der von Windeln gepolsterte Hintern schaffte es bis zur Kante des Fenstersims. Von hier aus streckte sie einen Arm nach vorne, in die Richtung ihrer Mutter. Die Beine fanden keinen Halt mehr an der Heizung, die Händchen griffen ins Leere, mit lautem Lallen plumpste sie vornüber auf den Schreibtisch ihrer Mutter. Diese sah erschrocken auf, schloss langsam die Augen, öffnete sie wieder und blickte ihr Mädchen traurig an. Sei still, flehten ihre Augen, nur für einen kleinen Augenblick. Frederike begann zu weinen. Sorgsam hob die Mutter sie von der Büroklammer, die einen Abdruck in ihrer Hand hinterlassen hatte, und setze sie auf den Holzboden. Das Kinderbett war noch beim Exfreund, und der öffnete seit dem letzten Streit vor zwei Wochen nicht mehr die Tür. Seitdem schlief sie mit ein paar Kuscheltieren und dem Fell aus dem Kinderwagen auf der Gäste-Luftmatratze. Zugegeben, in letzter Zeit ging nicht alles in seiner geordneten Bahn. Um genau zu sein, seit fast zwei Jahren, als sie schwanger geworden war und davon erst mitbekam, als es für eine Abtreibung zu spät war. Mitten in der Ausbildung bekam sie nun nachts keinen Schlaf mehr, musste ihr Kind ernähren und verpflegen und fand nur selten Platz, es den Tag lang unterzubringen. Doch die Zeit war vorübergegangen, mittlerweile konnte sie teilweise von zu Hause aus arbeiten oder sie in der Krabbelgruppe einer anderen Mutter überlassen. Dennoch liebte sie ihre Tochter. Sie hätte ihr gerne etwas mehr Zuhause geboten. Noch störte die Kleine sich daran scheinbar nicht.
Noch einmal übersah sie das Meer an Dokumenten. Da fehlte ein wichtiger Bogen, sie müsste wohl nochmal los in die Firma. In diesem Moment rief Frederike laut nach ihrer Mama. Noch bevor die sich umdrehte, wusste sie, dass die Kleine nur wieder irgendeine hinreißende Banalität erblickt hatte, und nun meinte, ihre Mutter davon in Kenntnis setzen zu müssen. In der Tat handelte es sich um den hervorgehobenen Fleck eines Astlochs im Boden. Sie strampelte verwirrt, als sie von ihrer Entdeckung weg auf ihr Bett getragen wurde. Mit zur Firma nehmen kam nicht in Frage, da würde alles doppelt so lange dauern. Und für die halbe Stunde lohnte sich auch kein Babysitter. Es müsste eben auch mal so gehen.
„Bleib schön da sitzen“, beschwor sie die Kleine, „Mama ist gleich wieder da“. „Mit!“ lautete die Antwort. Die Mutter deckte sie sorgfältig zu und begrub weiteren Prostest unter einem Schnuller. Große Augen blickten sie an, während sie auf ihre Tochter beruhigend einredete und sich schließlich endlich traute, das Haus zu verlassen.
Erst auf der Straße fühlte sie sich wieder als gewöhnliche junge Frau. Sonst war sie meistens ziemlich am Ende, hatte Kopfweh und dicke Augenringe von dem Leben, dass sie unvorbereitet mit ihrer Tochter teilen musste. Sie strich eine dunkle Strähne hinters Ohr, zupfte ihre Bluse zurecht und lief den Gehsteig entlang. In der Straßenbahn nickte ihr ein älterer Mann freundlich zu. „Wenn der wüsste“, seufzte sie innerlich. Er hatte den Blick bereits wieder abgewendet. Was hatte er gedacht? Den Blick zu urteilen Positives – solches war allerdings denkbar unangebracht.
Frederike zahnte, ihre nagelneuen Backenzähne brachten ihr und ihrer Mutter schlaflose Nächte voller Geheul, der Rentner aus der Nachbarwohnung hatte schon geäußert, dass die unerträgliche nächtliche Unruhe bei der richtigen Erziehung nicht mehr normal sei.
Die Straßenbahn blieb kreischend stehen, noch zwei Häuserblocks weiter, am Ende der Straße war das Büro bereits zu sehen. Schlüssel aus der Tasche, rein in den kleinen, düsteren Raum mit fünf Computern, die summend ihre öde Arbeit verrichteten. Eine Kollegin sah kurz auf:
„Ah, Frau Down, ich habe schon erwartet, dass Sie noch eintreffen. Sie hatten einen der Ausdrucke vergessen“
„Hätten Sie ihn mir nicht per Mail schnell schicken können?“
„Was weiß ich denn, ob Sie ihn nicht absichtlich liegen gelassen haben. Ich bin nun wirklich nicht für ihr Chaos zuständig“. Na danke. Sie nahm den gesuchten Stapel vom Tisch, warf dem Chef noch einen entschuldigenden Blick zu, der von seinem PC aufgeblickt hatte und ihr vorwurfsvoll nachsah, bevor sie das Büro verließ.
Kaum auf der Straße traf sie Luca. Seineszeichens bester Freund ihres Exfreundes, Kellner und meistens lieber Kerl. „Na?“ grüßte er schon von weitem, und was sie denn schon vor Feierabend außerhalb des Büros suchte. Auf ihre Antwort seufzte er lächelnd: „Mensch, ich wünschte, ich könnte es mir auch leisten, so schusselig zu sein. Da käme sofort Zeter und Mordio, dass ich das den Gästen doch nicht antun könnte. Du machst einfach einen netten Spaziergang zu deiner Firma, und die Sache ist erledigt“
Natürlich. Ihr Leben war an sich furchtbar simpel und sie nur zu blöd, es richtig zu leben und genießen.
Wütend wurde sie vom Hausmeister empfangen. Wer denn bitte gerade auf das Baby aufpasse, wurde sie gefragt. Was sie sich dabei dächte, wo das Kleine bereits das ganze Stockwerk zusammen brülle, gemütlich auszugehen. Es sei schon kurz davor gewesen, mit seinem Ersatzschlüssel in die Wohnung zu kommen und es eigenhändig still zu stellen. Wenn das so weiter gehe, würde ihr bald nicht mehr so viel Verständnis entgegengebracht. Man vermiete keine Appartements aus purem Mitleid, über kurz oder lang hätte sie eben mit einer Kündigung zu rechnen.
Seit Wochen ging das nun schon so. Tag für Tag gab es anscheinend nur Dinge, die sie falsch machte. Sie stapfte frustriert die Treppe nach oben, über den Gang war bereits Frederikes Weinen zu hören. Ihre Mutter sperrte die Wohnungstür auf, ließ sich vor dem verschwitzen Wesen nieder und sah sie lange nachdenklich an. Wie sie da lag, den Mund breit verzogen und knallrot im Gesicht. Das Problem war riechbar.
Die Mutter machte keine Anstalten, etwas dagegen zu tun. Ihr Blick ruhte nur immer weiter auf Frederike, dem kleinen Mädchen, dass ihr das Leben zur Hölle machte. Wenn sie es nur rückgängig machen könnte, die ganze Geschichte, einfach ihr eigenes Leben zurückhaben könnte, was würde sie dafür geben! Aber sie stand in einer Einbahnstraße, wie das im Leben so üblich war. Sackgassen in einer solchen waren undenkbar lästig.
Schließlich wickelte sie ihre Tochter doch. Damit fertig war die Kleine endlich ruhig. Vom Schreien erschöpft rollte sie sich auf ihrer Luftmatratze zusammen und schlief.
Was für eine Trugbild, wie sie da so friedlich lag. Was für eine Lüge, ihre großen Pausbacken, der leicht geöffnete, hellrosa Kindermund, die weichen Lider, die die großen Augen bedeckten. Helle Locken kringelten sich auf der Stirn, sie schmatze etwas im Schlaf. Die Waffen der Kinder, um ihren Müttern ein bisschen Liebe abzuluchsen, und wenn sie noch solche Quälgeister waren.
Frederike träumte von den Ereignissen des Tages. Sie war allein gelassen worden, man hatte sie schreien lassen. Jede Entdeckung, jedes ihrer Probleme wurde mit Blicken erwidert, die sie spüren ließen, dass sie nicht erwünscht war. Sie konnte sich nicht ändern. Sie verstand noch nicht einmal den Grund. Sie zerbrach nur Tag für Tag an der stummen, unterdrückten Abneigung ihrer Mutter.
Speckige, verhasste Kinderbeine baumelten wieder über der Heizung. Wieder das metallene Geräusch, wenn sie dran stieß. Doch hier hatte sie wenigstens den Ausblick auf den Hof, ein wenig Ablenkung. Auch die pure Langweile war schließlich Grund genug, unschuldige Mütter zu tyrannisieren. Zudem hatte diese sie hier im Blick, sonst machte sie ja doch nur Unfug.
Sie versuchte sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Klack. Hier konnte man etwas verkürzen, das war übersichtlicher und erfüllte den Zweck genauso. Klack. Dann müsste sie allerdings die Einleitung weiter nach unten verschieben, um das als neuen Abschnitt zu markieren. Klack. Irgendwo fehlte etwas, so konnte es nicht klappen. Klack…. Klack.
„FREDERIKE!“
Erschrockene Kinderaugen, dann ein leise beginnendes Wimmern.
Wäre sie doch einfach nur weg. Doch das war unmöglich. Die Sackgasse tat kein spontanes Tor auf. Und wenn sie nicht auf geraden Wegen wieder rauskam, musste sie sich eben einen anderen Weg suchen. Sollte dieser Weg zu eng für sie beide sein, würde eben nur einer durchkommen.
Sie erschrak über ihren Gedanken. Sie sollte mehr schlafen, sie sollte wieder zu Vernunft kommen. Nur wie, mit einem Wesen wie diesem in einer Wohnung?
Ein Tag neigte sich dem Abend zu. Frederike lehnte den Brei ab. Kein großes Wunder, wenn er so gesund war, wie er angepriesen wurde. Der Löffel zog ein paar unmotivierte Kreise vor dem Kindermund, der weiter zusammengekniffen blieb. Da konnte man noch so geduldig bleiben, auf Frederike einreden und selber deutlich machen, wie gut der Brei schmeckte, Frederike weigerte sich. Unter leisem Fluchen nahm die Mutter den Zuckerstreuer von der Arbeitsfläche, rührte zwei gehäufte Teelöffel Zucker in das Glas und probierte es erneut mit der Kleinen. Na also.
Jetzt noch Zähnchen putzen. Alles musste man für sie machen, und trotzdem sträubte sie sich.
Und endlich konnte auch die Mutter sich fertig machen. Wieder war sie nicht dazu gekommen, Aufschnitt zu besorgen. Und das Brot lag wieder nicht in der Tüte, war hart geworden. Dann eben nur so, mit etwas Butter und Kräutersalz. Ein paar Dinge mussten dringend noch gewaschen werden, mangels Geld mit der Hand, dann noch Aufhängen und das Geschirr spülen. Schnell die oberen Schichten ausziehen, eine Katzenwäsche und kurz Zähne putzen, dann fiel sie ins Bett.
Ein langer Schlaf war ihr nicht vergönnt. Der Radiowecker zeigte Zwei Uhr, als Frederike unzufrieden zu brabbeln begann. Mangels Reaktion brüllte sie nach kurzem. Ihre Mutter probierte und riet etwas rum, was der Kleinen denn fehlte. Sie hatte Bauchweh. Wieso auch nicht; die Nächte wären schließlich viel zu eintönig ohne gelegentliche Zwischenfälle. Sie massierte den keinen Bauch, wiegte sie im Arm, trug sie durchs Zimmer. Frederike war nicht zu beruhigen. Schließlich zerbrach die Mutter eine Aspirin, löste ein kleines Stück für die Tochter, den Rest für sich selbst. Dennoch trug sie die Tochter noch eine halbe Stunde durch den Raum, bis endlich wieder Ruhe herrschte. Das heißt, bei der Tochter – der Rentner würde sich wohl morgen wieder beklagen. Als hätte er eine grobe Vorstellung, was sie hier durchmachte.
Zehn Minuten später übergab Frederike sich. Anscheinend vertrug sie Aspirin nicht. Herrgott. Irgendwo fand sich tatsächlich noch ein Schlafmittel. Eine Viertelstunde Ablenken und Beruhigen später endlich Ruhe, die junge Frau wischte – mittlerweile halb Vier – das Erbrochene auf, wusch sich die Hände, legte sich erneut hin. Wie sollte sie jetzt wieder einschlafen können? Die Tage schienen so endlos.
Der neue Morgen brach an, Frederike begrüßte ihn mit freudigem Giggern, die Mutter antwortete mit einem Kissen in ihre Richtung. Die Chancen standen gering, den Vormittag einen Babysitter zu finden. Wohl oder übel musste sie sie mitnehmen, auch wenn der Chef wohl nicht begeistert war. Sie steckte Frederike in den Buggy, auf dem Weg kauften sie sich noch schnell zwei Butterbrezeln, sie waren bereits spät dran.
Unzählige Gedanken gingen ihr auf dem Weg zur Firma durch den Kopf. Ein Großteil hatte eins gemein: Das Leben war in der jetzigen Situation schwer zu ertragen. Wenn Frederike fiel, tröstete sie sie. Wenn Frederike meinte, versorgt werden zu müssen, zeigte sie das auf eine Weise, dass sie nach kurzem hatte, was sie wollte. Ihr wurde der Weg geebnet, alles vorgekaut, ihr stellten sich keine Fragen nach der Zukunft und was überhaupt noch der Sinn ihres Daseins war.
Wer tröstete ihre Mutter, wenn sie in viel größere Abgründe fiel? Wer half ihr, nahm ihr Lasten ab, stärkte sie, zeigte ihr den richtigen Weg, wenn wieder alles aus dem Ruder lief?
Und wem wurde die Schuld gegeben, wenn es Frederike war, die dennoch weinte?
Die Gedanken brachen mit dem öffnen der rostroten Tür des Büros ab. Doch sie bestätigten sich den gesamten Vormittag mit jedem Wort des Chefs und der Kollegen.
Als sie spät abends endlich den stickigen Raum wieder verließ, schlief Frederike. Wieso musste das Biest innerhalb von dreizehn Stunden sieben mal gewickelt und drei mal gefüttert werden? Kaum eine Zeile konnte geschrieben werden, ohne dass sie brabbelte, schrie oder etwas brauchte. Was, das wusste man oft nicht so genau, denn sie wollte nicht richtig Sprechen lernen.
Die Abendluft war kühl, die Geschäfte waren längst geschlossen, also gab es auch heute keinen Aufschnitt. Hoffentlich hatte sie wenigstens noch genug Brei.
An der Ecke stand eine Frau, nur in Umrissen zu erkennen. Die Mutter steuerte bei ihrem Weg zur Station direkt auf sie zu, doch die machte keinerlei Anstalten, dem Buggy Platz zu machen. Es schien fast, als wartete sie auf sie. Je näher sie ihr trat, desto unheimlicher wurde ihr die Unbekannte. Sie war sich sicher, sie noch nie vorher gesehen zu haben.
Sie versuchte, auf dem Schmalen Gehsteig mit dem Buggy vorbei zu kommen, es gelang ihr nicht. Mittlerweile war zu erkennen, dass es sich mehr um einen Teenager handelte, nicht älter als sechzehn. Die Gestalt grüßte. Die junge Mutter erwiderte nichts. Die Andere zog etwas Rechteckiges aus der kleinen Tasche, die um ihrer Schulter hing und reichte es ihr. Frederike war aufgewacht.
„Tu deiner Tochter nichts zuleide.“, sprach die Jugendliche in ruhigem Ton. Frederikes Mutter nahm den Gegenstand entgegen. Ein Foto, sie erkannte Frederike darauf, obwohl ihr Gesicht unter einem Kissen nicht zu sehen war. Sie kannte das Kissen, es war dasselbe, dass sie heute Morgen nach ihr im Halbschlaf geworfen hatte. Frederikes Arme griffen ins Leere, sie schien zu strampeln, während zwei Arme sie mit aller Kraft unter dem Kissen begruben.
„Wann haben Sie das aufgenommen?“, war das erste, was ihr dazu einfiel. Erst jetzt entdeckte sie auf dem weißen Rand unten eine Zeitangabe. Das Datum von morgen, kurz nach halb acht. Was sollte das alles bedeuten? Sie starrte einen Moment auf das Foto, fand keinen rechten Zusammenhang, und hob den Blick wieder zur Fremden.
„Ist es nicht recht offensichtlich? Du bist dem Gedanken schon etliche Male gefolgt“
Die Mutter öffnete den Mund, schloss ihn wieder, runzelte die Stirn. Die Fremde fuhr fort,
„Schau sie dir an. Sie gehört zu dir und sie braucht dich. Und wenn nicht alles einfach ist, ist das verständlich. Aber du kannst nicht dein eigenes Kind töten.“
Völlig irritiert wollte sie ihr das Foto zurückgeben, doch die Fremde nahm es nicht an. Wortlos schob die Mutter ihren Buggy an der Fremden vorbei und rannte, so gut das möglich war, auf dem schnellsten Weg zur Station. „Bis sieben Uhr sechsundzwanzig kannst du es noch verhindern!“, rief die Unbekannte ihr nach. Frederike wurde auf dem Weg ordentlich durchgeschüttelt und beklagte sich lauthals.
Erst in der Straßenbahn fühlte sie sich nicht mehr unmittelbar verfolgt – selbst wenn die Fremde ihr in keiner Weise nachgegangen war. Sie lehnte sich gegen die beschmierten, zerkratzen Scheiben, versuchte ihren Atem in den Griff zu bekommen und spürte eine warme Träne an ihrer Backe. Sämtliche Gedanken kreisten um das Foto. Noch immer hielt sie es in der Hand. Es war alles so unglaublich, und fast schien es ihr, als hätte sie es sich nur eingebildet. Das Foto widersprach dem.
Sie wollte nichts davon wissen. Selbst wenn es stimmte – und das tat es wohl kaum – was hatte diese Frau sich da einzumischen? Sie brauchte einen günstigen Babysitter, und nicht jemanden, der ihr Vorwürfe machte.
Kurzerhand zerriss sie das Bild. Die kleinen Fetzen trudelten durch die Luft. Frederike versuchte sie mit schnell patschenden Händen zu erwischen.
Nach einer schlaflosen Nacht ging die Sonne, als wollte sie die Plagen des neuen Tages verhöhnen, wieder in voller Pracht auf. Der Himmel war wolkenlos. Ein wunderschöner Morgen begann. Ein Wecker rappelte schrill durch das kleine Appartement und wurde mit müden, traurigen Augen ausgestellt. Wieso regnete es nicht? Das war doch reine Ironie, an Tagen wie diesen – und es war ja klar, dass sie von dem heutigen Tag nichts mehr zu erwarten brauchte – die Sonne anzuknipsen, die Vögel zwitschern zu lassen und einen auf schönen Morgen zu machen. Gott hatte vielleicht Nerven. Das Foto war mittlerweile etwas weiter nach hinten in die Gedanken gerutscht, denn Frederike verlangte mit lautem Schreien nach frischen Windeln. Es sah aus, als müsste sie gebadet werden. Die Mutter stellte die Babywanne in die offene Dusche und ließ etwas warmes Wasser ein, während sie den Hörer aus der Telefonschale nahm. Vielleicht fand sie ja noch irgendwas, das sie auch von daheim aus erledigen konnte. Nach zweimal Tuten nahm der Chef persönlich ab. Das käme nicht in Frage, dass sie schon wieder daheim bliebe. Er habe festgestellt, dabei komme gewöhnlich nur wenig raus, er habe mittlerweile genug für eine fristlose Kündigung zusammen. Wenn sie sich nicht in nächster Zeit sehr zusammennähme…
Frederike schrie wie am Spieß. Das war keine Laune, da war irgendwas passiert. Ihre Mutter lies den Hörer fallen und rannte zu ihrer Tochter. Ihr Hemdchen war komplett nass, sie stand in einer Pfütze dampfend heißen Wassers. Die Mutter begriff sofort, dass die Kleine versucht haben musste, in die Wanne zu steigen. Doch das wasser war noch nicht reguliert und folglich viel zu heiß. Jedenfalls muss die Wanne dabei ungekippt sein und hatte Frederike mit dem heißen Wasser bespritzt.
Intuitiv hob sie das Mädchen ins Waschbecken und ließ kaltes Wasser über sie laufen. Frederike brüllte weiter, alles schien plötzlich in Zeitraffer zu geschehen. Sie stellte den Duschhahn ab, ließ Frederike noch im Waschbecken toben und rannte, noch immer unter Schock, zum Telefon, nur um aufzulegen. Verstört raste sie zurück zum Waschbecken, zog Frederike endlich das nasse Hemdchen aus, achtete nicht darauf, wenn sie sich am Wasserhahn stieß und weiter schrie. Ihre Haut war rot, wo sie das heiße Wasser abbekommen hatte, doch es schien nichts Ernstes passiert zu sein. Dennoch brüllte sie weiter. Die Nerven der jungen Frau lagen blank.
Sie hielt Frederike etwas im Arm, die sich wenigstens schnell tröstete, im Gegensatz zu ihrer Mutter. Sollte sie doch noch zum Arzt gehen? Was sollte der schon machen. Sie hängte das Babyhemd über die Stange vom Duschvorhang und schüttete den Rest des Wassers in der Babywanne in den Abfluss. Mittlerweile hatte Frederike, die noch immer im Waschbecken saß, eine besondere Freude entdeckt. Sie hielt den aufgedrehten Wasserhahn so gut es ging mit beiden Händen zu und beobachtete voller Begeisterung, wie kleine Fontainen durch das Badezimmer spritzten. Ihr Lachen wurde mit einem leichten Schlag auf den Hinterkopf beendet, sie aus dem Becken gehoben und geschimpft. Dann wischte die Mutter wieder den Boden, kein Auge auf ihre Tochter, die sich schmollend nach einer neuen Beschäftigung umsah. Das Geräusch einer Sandale an der Türschwelle, ein leises Rumms, erneutes Brüllen. Die Mutter fuhr herum. Jetzt reichte es. Sie schrie ihre halb aufgerichtete Tochter an, die erschrocken weiter zurückwich, so gut sie konnte. Ein Schlag ins Gesicht. Irgendwann hatte jede Geduld schließlich ein Ende. Die Kleine weinte, schrie, machte ihre Mutter in ihrer Hilflosigkeit immer verzweifelter und wütender. Sie nahm sie hoch, schüttelte sie, sah das verheulte Kindergesicht in seiner verhassten Vertrautheit und schüttelte stärker. Unter dem Kindergebrüll hörte sie ein dumpfes Klopfen durch die Wand. Der wollte sich also auch wieder beschweren.
Frederike strampelte sich aus dem Armen ihrer Mutter frei, versuchte, noch immer laut schreiend, sich aufzurappeln. Ihre Mutter hätte später nicht sagen können, wie sie Frederikes Wange erreichte, ohne sich hinzuknien, doch Frederike stolperte unter der Ohrfeige ein großes Stück weiter hinter auf ihre Matratze. Die beiden übertrafen sich gegenseitig in ihrer Lautstärke. Die Mutter ertrug es nicht mehr, schnappte das nächst Beste, was sie erwischte und drückte es ihrem Kind auf den Mund. Erst jetzt erkannte sie, dass es das Kissen von gestern früh war, entsann sich an das Bild, auf dem zwei Hände es auf Frederikes Gesicht gepresst hatten … ihre Hände. Sie verminderte den Druck nicht. Frederike strampelte. Leise Laute drangen minutenlang durch die dicke Füllung, Hilfe suchende Hände griffen ins Leere, es wurde still. Wie ein Traum umhüllte die Mutter die plötzliche Ruhe. Sie nahm das Kissen hoch, kleine Kindertränen schimmerten auf dem Gesicht. Da wohnte kein Gefühl mehr in der Mutter. Nicht für diesen Menschen. Noch etwas Leere in ihrem Bauch, und dennoch fühlte sie sich, als könnte sie nach langer Zeit endlich wieder tief durchatmen.
Sie hatte Frederike damals nicht abtreiben können. Jetzt hatte sie es nachträglich getan. Wäre sie denn glücklich geworden in ihrem Leben? Sie wäre ihr keine gute Mutter gewesen, wer weiß, was aus dem Mädchen geworden wäre. War es denn ein Unterschied, ob sie noch im Bauch starb oder erst einige Monate später, wo sie so und so in einer Zeit war, an man sich später nicht mehr entsinnt, die nichts als ein Entwicklungsstadium ist, bevor man für das Leben bereit ist?
Ein Heim, das Sozialamt… was waren das für Alternativen? Sie hätten ihr ihre Tochter entfremdet, die Mutter hätten sie zu einem Menschen gemacht, die ihr Leben lang nicht mehr ihrer Tochter ohne Beschämung in die Augen hätte sehen können.
Das Nötigste war schnell eingepackt, Frederike kam in den Buggy, das leicht bläuliche Gesicht notdürftig unter einem Schal versteckt, dann verließ sie das Haus. Ließ alles hinter sich zurück, ihren Exfreund, ihren Job, das Mietshaus. Sie würde etwas Neues beginnen. Manches war noch fertig zu bringen, doch ab jetzt würde alles einfacher werden.
Was noch offen blieb war, wer die Frau von Vortag gewesen war. In jedem Fall hatte sie aber wohl unrecht gehabt.
Es war das Beste so. Sie hatte die Sackgasse hinter sich, auch ohne das Handgepäck. Die Wege waren endlich wieder frei.
(Juni 2007)
Erschütternd – diese Einfühlungsgabe der Autorin, mit der es ihr gelingt, Mitgefühl für eine
“Mörderin” zu erzeugen. Ein sich immer mehr steigernder Druck braucht seine Auslösung.
Man schwankt zwischen der Abneigung gegen eine nicht mütterliche Mutter und dem Mitgefühl für ein selbst völlig hilfloses Menschenkind, allein gelassen und alle Schuld au das Wesen übertragend, das nicht um sein Leben gebeten hat.
Ich fühle mich in einem entsetzlichen Zwiespalt, möchte verurteilen (weil ein unschuldiges Kind zum Opfer der allgemenen menschlichen Kälte wird), aber es fällt mir schwer und bin froh, hier nicht ein Urteil sprechen zu müssen.
Dagegen kann ich aber behaupten, dass Sprache, Stil und Rechtschreibung (heute fast eine Seltenheit) tadellos sind.Es gelingt Dir außerordentlich gut, den Leser in Bann zu schlagen, bis er das letzte Wort aufgenommen hat. Respekt! Hast Du schon mal was veröffentlicht? TBZ // Darf ich Du sagen? Es internettet sich leichter und ist ja eher Usus. Ich bin auch eine Du, einverstanden?
Hallo Tilly,
Es freut und ehrt mich, dass ich Dich (eine echte Schriftstellerin!) hier sehe und gleich so Positives zu lesen bekomme. Natürlich bin ich mit dem Duzen völlig einverstanden.
Das Kompliment zur Rechtschreibung muss ich allerdings gleich ein bisschen von mir weisen. SilentX, ein treuer Leser hier, macht mich immer mal wieder auf Tippfehler aufmerksam. Ohne ihn hätte hier wohl jeder Text drei, vier Rechtschreibfehler mehr…
Das mit dem Veröffentlichen zieht sich zur Zeit ziemlich. Meinen letzten Vertrag (mittlerweile etwa fünf Jahre her) habe ich aus Unsicherheit zurückgewiesen. Mit meinem neuen Manuskript will ich es nochmal mit einem Verlag versuchen, aber zuerst habe ich meine Freunde gebeten, es sich anzusehen. Drei Leute haben es schon durchgelesen und mir Feedback gegeben, eine vierte Freundin ist gerade dabei. Dann muss ich alle Korrekturen und Vorschläge durchgehen und das Manuskript ein weiteres Mal überarbeiten – das wird wieder seine Zeit dauern.
Ein paar Verlage habe ich mir schon aufgeschrieben, an die ich es schicken will. Und sollte der Lektor mich dann tatsächlich für gut genug befinden – dann habe ich es wohl tatsächlich geschafft.
Hallo
Ich finde die Gecshichte richtig gut und es stimmt, dass sie einen in einen Bann schlägt
Auch wenn es völlig egal ist möchte ich dich darauf hinweisen, dass du einmal irgendwo in der mitte statt Freude “freunde” geschrieben hast.
Dein Stil gefällt mir echt. Ich hoffe sehr, dass ich in zukunft mehr von dir hören werde.
(Ich bin eine richtige “leseratte” und ich bin inzwischen beim stil sehr kritisch geworden und habe eigentlich nur 3 oder4 Lieblingsautoren, vielleicht gehörst du bald dazu?)
Ach ja und ich bin einfach mal davon ausgegangen, dass wir uns duzen, obwohl ich erst 14 bin
ich hoffe es ist okay
Franca
Hallo Franca,
danke für deine liebe Worte. Den Tippfehler habe ich natürlich ausgebessert. Und um das Dutzen mach dir mal keine Gedanken
Es ist schön, hier dein Feedback zu lesen (wo ich doch in letzter Zeit so passiv war) und hat mich auch gleich ermuntert, zumindest mal wieder einen Blogeintrag zu schreiben.
Schöne Grüße aus Schwerin!