Unschweigsam

Die Schöne und das Biest

Maren sah aus dem Fenster, in den kleinen Garten des Hauses. Er war so ordentlich und gepflegt, wie auch das Haus immer bestens aufgeräumt und rausgewischt war. Gwen war ein lebendiger Wischmob, dank ihr sah es hier so aus. Sie kümmerte sich wirklich gut um alles, aber sie stellte auch die Regeln auf. Und ihre Schwestern, Maren und Lena, mussten sich wohl oder übel damit abfinden.
Jetzt rief sie zum Essen. Schwerfällig rappelte Maren sich auf, sammelte die protestierende Lena samt Puppe vom Fußboden und warf sie sich über die Schulter. Zuerst kreischte ihre kleine Schwester, dann lachte sie und rief: “Schneller, schneller!”

Gwen begrüsste sie in der Küchentür mit einer Hand in der Hüfte: “Letztes Mal habt ihr mir damit die Dose Trockenfutter von der Arbeitsplatte gefegt. Ich muss Mikesch täglich hinter irgendeinem Möbelstück vorklauben, weil er immer noch irgendwo Teile seiner Cracker findet.” Demonstrativ hob sie das Tischtuch und zeigte auf den Hintern des kleinen Katers, der mit aller Mühe versuchte, einen hellbraunen Kringel zwischen Tischbein und Wand hervorzukratzen. Maren hob Mikesch auf ihren Schoß, schob ihm den Kringel seines Begehrens zwischen die Zähne und flüsterte liebevoll: “Bist du uns böse, kleiner Mikesch, für diesen Unfall?”
Mikesch schnurrte leise.
“Wusste ich’s doch. Er ist viel weniger nachtragend, siehst du, Gwen?”
Diese rollte die Augen gen Zimmerdecke und murrte schließlich: “Habt ihr euch überhaupt die Hände gewaschen?”Als ihr Vater an diesem Abend die Tür aufschloss, hatte er ein Lächeln im Gesicht. Lena klammerte sich augenblicklich an sein Bein, und so dauerte es einen Moment, bis er sich setzen konnte und die gute Nachricht aussprechen: “Ich wurde befördert.”Lena krabbelte auf seinen Schoß und sah ihn mit großen Augen fragend an. Er antwortete: “Das heißt, dass wir jetzt wieder etwas mehr Geld zur Verfügung haben. Und ich dachte, zur Feier des Tages könnte ich euch allen einen kleinen Wunsch erfüllen. Ihr habt ja gemerkt, das letztes Weihnachten etwas spärlich ausgefallen ist”. Lena strahlte breit, und verschwand aus dem Zimmer.Gwen überlegte einen Moment, und meinte schließlich, sie könne dringend ein bisschen nette Kleidung gebrauchen. “Wenn ich aus dem Haus will und mal keine Schürze anhabe”In dem Moment hopste Lena mit ihrer Puppe im Schlepptau ins Zimmer. Sie erklärte, dass es bald Winter würde, und dass es ja schlimm wäre, wenn ihr kleines Mädchen da frieren müsse.Der Vater nickte lächelnd und hob den Blick dann zu Maren: “Und du?”Maren seufzte. “Es wäre nett, mal wieder eine Rose zu sehen”.
Gwen warf ihr einen warnenden Blick zu: “Du weißt, dass ich das stachelige Zeug nicht gerne in Lenas Nähe habe”"Ich meine ja nur eine. In einer Vase, auf dem Küchentisch, fein säuberlich. Lena ist vernünftig genug, da nicht reinzulangen”. Gwen sah hinüber zu Lena und zuckte nach einer Weile die Schultern: “Okay, meinetwegen”

Doch es sollte nicht so einfach kommen. Denn als Gwen am nächsten Tag strahlend ihr neues Kleid anprobierte und Lena gespannt zwei kleine blaue Mäntelchen entgegennahm, einen in ihrer Größe und einen sehr viel kleineren, wandte der Vater sich mit besorgtem Gesicht und einer wunderschönen Rose in der Hand an Maren: “Es klingt wahrscheinlich verrückt, aber ich bin einem echten Biest begegnet.”. Gwen ließ von ihrem Kleid ab und blickte auf.“Ich hatte die Besorgungen gemacht und blickte mich nach einem Blumenladen um, da sah ich diesen wunderschönen Garten. Er war mäßig gepflegt, aber die wilden Rosen blühten den ganzen Weg bis zum Haus zu. Burg trifft es wohl eher, es war wirklich groß, aber es wirkte verlassen und fast schon traurig. Ich dachte mir ‘schönere Rosen kriegst du in keinem Laden’, und ich dachte nicht, dass es irgendwas stören würde, wenn ich mir eine nähme. Und dann stand dieses Monster plötzlich neben mir. Es war gewaltig und haarig und hatte große, trübe Augen und fragte, warum ich seine Rosen stähle. Ich erklärte ihm, sie sei für meine Tochter, und als es das hörte, wollte er eben diese Tochter als Preis für die abgebrochene Rose”
Einen Moment lang war es still an dem Tisch. Dann flüsterte Gwen: “Und das Ding hat dich einfach so gehen lassen?”. Der Vater nickte.
“Tja, dann steht der Fall wohl klar”, fuhr Gwen fort. “Maren bleibt hier, und wir meiden den komischen Garten. Das Ding glaubt doch nicht ernsthaft, dass wir uns auf so einen Handel einlassen. Eine Rose für Maren. Pff”
“Bitte nenn es nicht ‘Ding’”, murmelte der Vater, “und ich finde nicht, dass wir es so hintergehen sollten”
“Du willst Maren gehen lassen?”
“Das habe ich nicht gesagt”
Vorsichtig meldete sich Maren zu Wort: “Ich habe nichts dagegen, hinzugehen. Ich bin sicher, das wir eine Lösung finden.”
Damit stand sie auf und verschwand in ihr Zimmer, ein paar Sachen einzupacken. Wer wusste, wie lange sie bleiben musste. Nach kurzen saß Lena auf ihrem Bett:
“Musst du wirklich gehen?”
“Hm-m, sieht so aus”
“Kommst du wieder?”
“Das hoffe ich doch”, Maren zwinkerte Lena zu. Lena lächelte vorsichtig.
“Darf ich deine Bücher lesen?”
“Aber sicher. Erzähl bloß Gwen nichts von den Comics”
Lena nickte pflichtbewusst.

“Dauert es mehr als eine Woche?”
Maren schwieg traurig. Lena zog die Beine an ihren Körper.
“Aber doch nicht soo lange, oder? Ich meine, wir müssen noch Freunde sein können, wenn du wiederkommst. Und dazu muss ich dich wiedererkennen können.”
Maren nahm ihre Schwester in den Arm:
“Wir bleiben immer Freunde. Und so schnell verändere ich mich schon nicht. Und wenn es wirklich so schlimm sein sollte, dann kannst du mir ja schreiben. Das Monster hat sicher etwas Briefpapier für mich”
Lena grinste bei dem Gedanken: “Und Monster-Briefmarken!”

Der Garten war wirklich herrlich. Wie ihr Vater ihn beschrieben hatte, und so völlig anders als der gepflegte Rasen daheim. Maren fröstelte, und zog ihren Mantel etwas dichter um den Körper. Schließlich war sie an der gewaltigen Tür angekommen. Sie klopfte. Keine Reaktion. Einen Moment lang stand sie verdutzt in der Kälte, dann drückte sie die große Eisenklinke runter. Es war offen.Sie trat in einen weiten Saal mit dunkelrotem Teppich und Kerzen anstelle von Lichtern an den Wänden. Irritiert stellte sie fest, das unter jedem mehrere abgebrannte Streichhölzer lagen.
Sie trat näher an die Wände und betrachtete sie, lauter sanft umschlungender Blätter und Ranken waren in die cremefarbene Tapete eingeprägt. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingern über das Muster.
Eine Tür fiel irgendwo ein gutes Stück hinter ihr zu. Erschrocken blickte sie sich um. Etwas ziemlich großes, wuscheliges und triefend nasses stand auf der anderen Seite des Raumes vor der eben zugefallenen Tür, mit einem Handtuch um die Hüfte und mindestens genauso erschrocken.

“Hi”, machte Maren.
Das Biest ließ die Schultern sinken, drehte sich auf der Stelle um und verschwand wieder hinter der Tür. Maren wartete geduldig. Einen Moment später kam es wieder heraus, mit einer weiten, blauen Hose und einer gewaltigen, aber noch immer knapp zu kleinen Weste aus dem Raum.
Still sah Maren ihm zu, wie es hinter einer weiteren Tür verschwand, hörte irgendetwas rumpeln, dann war eine Weile Ruhe. Irgendwie sah es nicht so richtig beängstigend aus. Einfach nur groß und wuschelig und etwas traurig vielleicht.Zum Schluss steckte das Biest den großen Kopf durch die Tür und winkte Maren heran, ihm nachzukommen. Maren tapste hinter ihm her in einen weiteren Raum, vor ihr ein Tisch, sauber für zwei Personen gedeckt.
Als Maren saß, begann das Biest schüchtern, sich zu entschuldigen: “Ich konnte dich irgendwie nicht angemessen begrüssen, vorhin nach dem Duschen… tut mir leid.”
Maren warf einen Blick auf die noch nasse Mähne ihres Gegenübers: “Schon okay”
Schweigend löffelte sie ihre Suppe. Zu viel Salz.
“Und, ehm, was machst du so hier?”
Es lächelte, schwieg aber.

Nach dem Essen führte es Maren in ihr Zimmer. Ihr Bett war gewaltig, aber als sie leicht auf die Decke klopfte, wirbelte eine kleine Staubwolke auf. Ihr Gastgeber war wohl nicht allzu viel Besuch gewohnt. Und er hatte vergessen, ihr zu sagen, wo das Badezimmer ist. Verdammt.
Eigentlich war das er ja vorhin offensichtlich erst rausgekommen, aber alleine würde sie sich hier nie zurechtfinden…
Sie öffnete die Tür. Die Kerzen waren ausgepustet.
“Hallo?”, rief sie ins Dunkle. Dann ohne nachzudenken, lauter:
“Biest? Biest?”
Er erschien augenblicklich. Sie blickte zu ihm hoch. Er runzelte die Stirn:
“Ein schmeichelhafterer Kosename ist dir nicht eingefallen? Was brauchst du denn, Schönheit?”
Obwohl seine Stimme voll der Ironie war, schämte Maren sich:
“Eine Toilette.”
Das Biest schlug sich beschämt die Tatze vors Gesicht:
“Klar, das hätte ich dir sagen sollen. Gleich nebenan”
Maren schaute nach rechts. Tatsächlich war dort eine Tür mit einem ovalen Porzellanschild: “Bad”
Na klasse. Darauf hätte sie auch kommen können.

Ausgeschlafen fanden sich die beiden am nächsten Morgen am Frühstückstisch wieder. Maren hatte wirklich wunderbar geschlafen. Schweigsam nahm sie sich eine Pflaume aus dem Korb. Das Biest begann das Gespräch:
“Hast du gar keine Fragen?”
Maren blickte zuerst verständnislos: “Das Bad kenn ich doch jetzt…”
“Naja, und vielleicht irgendwas in Richtung, was du hier machst?”
Maren antwortete lächelnd: “Ich bezahle eine Rose”
Ihr Gegenüber lächelte zurück: “Rosen sind gewöhnlich einfacher zu erstehen”
“Es war eine sehr schöne Rose”
“Das freut mich. Nach dem Essen kannst du dir ein paar für dein Zimmer holen”
“Danke, aber ich mag sie lieber am Strauch”.
Pause.
“Noch eine Pflaume?”
“Danke”
“Entschuldige das mangelnde Brot, oder was immer du gewohnt bist. Ich versorge mich nach Möglichkeit aus dem Garten, die Öffentlichkeit mag mich nicht so”
Sicher war es nicht einfach, in den Supermarkt zu gehen, wenn einen alle anstarrten. Armes Biest.
“Verständlich”
“Ich weiß”
Verdammt, fuhr es Maren durch den Kopf: “So mein ich das nicht! Nicht, dass du…”
zu hässlich wärst, dachte sie.
“Es tut mir nur leid, ich schätze es ist nicht einfach, wenn man…”
von allen aufgrund seiner üppigen Behaarung begafft wird…
Sie schwieg. Es war schwer, ihn ohne gröbere Beleidigungen zu trösten.
Das Biest lächelte ruhig und sah dann wieder auf seinen Teller.
“Du?” fragte Maren. ‘Biest’ kam ihr irgendwie unangemessen vor. Er reagierte nicht. Also gut, ein leztes Mal.
“Biest?”
Er schaute auf: “Ja, meine Schönheit?”
“Kannst du mir mal deinen richtigen Namen sagen?”
Er schwig einen Moment.
“Ich glaube, ich mag Biest ganz gerne. So wie du es sagst, meine ich.”
Er lächelte schief.
Maren konnte es nicht glauben. Flirtete gerade ein Biest mit ihr?

Als die Dämmerung kam, beleuchteten nicht mehr die hohen Fenster den Raum und Maren betrachtete das Biest verblüfft dabei, wie es vor einer Kerze stand und voller Konzentration versuchte, ein Streichholz anzuzünden. Bei dem Versuch, ein Holz aus der Schachtel zu nehmen, hatte er augenblicklich fünf in der Hand. Er klemmte sich vier zwischen die Lippen und nahm das Letzte vorsichtig zwischen zwei Finger. Behutsam setzte er es an der rauen Seite der Schachtel an, zog, und hatte zur noch Splitter in der Hand. Sofort griff er nach Nummer zwei in seinem Mund, es ratschte, und das kleine Holz brannte. Er wollte es an die Kerze heben, doch er verlor es und es landete bei dem kleinen Stapel unter dem Kerzenhalter.Das Dritte versengte ein Büschel seines Fells.
Nummer vier und fünf nahm Maren ihm schließlich aus dem Mund und zündete ohne zu zögern gekonnt eins an. Das Biest hob beeindruckt die Brauen. Vermutete Maren. Irgendwo auf der Höhe hätten sich bei einem Menschen Augenbrauen kenntlich gemacht. Bei ihm war es Fell inmitten von noch mehr Fell.
Bevor das Streichholz runtergebrannt war, wollte Maren es an die Kerze halten. Sie hatte nicht daran gedacht, das diese ein gutes Stück über ihrer Reichweite lagen. Sie pustete es aus, bevor es zu heiß an den Fingern wurde, und blickte das Biest verlegen an. Selbiges grinste über diese Gelegenheit, hob sie mit aller ihm zur Verfügung stehender Sanftheit an der Hüfte hoch und hielt sie auf Höhe der Kerze, wo sie schließlich und endlich tatsächlich Nummer fünf zweckmäßig verwenden konnte.

Einige Tage blieb Maren so bei dem Biest. Es fand tatsächlich etwas Papier für sie und einen Umschlag. Maren erzählte Geschichten von daheim, von Mikesch und Lena und ihrer Mutter, als sie noch lebte. Das Biest hörte ihr gerne zu, und es lachte mit ihr und legte ihr eine große Tatze auf die Schulter, wenn ein trauriger Part kam. Maren genoss dieses Beisammensein und sie erzählte Lena in vielen kleinen Briefen nur in Großbuchstaben – Lena tat sich mit den kleinen mitunter schwer – was sie heute gemacht hat und wie sie hofft, das daheim alles okay ist.

“Ich komm bestimmt bald wieder”, schrieb sie manchmal. Doch einmal sah das Biest einen Brief, und es sah traurig aus, als sein Blick auf diese Zeile fiel.
Maren ließ sie von da an in den Briefen weg.
Und ein paar Nächte nach dem Vorfall klopfte das Biest an ihrer Tür
“Ja?”
Das Biest trat ein. Langsam, schweigend. Das Bett knarzte und bog sich, als es sich mit hängendem Kopf auf ihrem Bett niederlies:”Maren, hör mir bitte zu. Ich möchte dich nicht hier festhalten, du bist mir zu lieb geworden, als dass ich dich einsperren wollte.”Er atmete tief durch.”Und wenn du nach Hause möchtest, dann geh.”
Maren fühlte sich schlecht. Doch das Biest fuhr fort.
“Du musst ja nicht für immer gehen. Geh für ein paar Wochen. Einen Monat. Dann komm wieder nach Hause, hier her.
Ich möchte dich nicht traurig sehen, weil du deine Familie vermisst. Sie hatte dich zuerst.
Aber sei so gut, und vergiss mich in der Zeit nicht ganz”

Maren wollte nicht gehen. Irgendetwas hielt sie hier, obwohl sie Lena sehr vermisste.Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, wie sehr sie das Biest mochte. Sie hatte seine Haare gekämmt und sich manchen Abend an seine große Brust gekuschelt, er hatte sie getröstet und ihr zugehört, hatte sich von ihr belehren und helfen lassen, mit ihr wirre Geschichten und Träume gesponnen und sie abends, wenn sie auf dem Sofa eingeschlafen war, ins Bett getragen. Sie fühlte sich bei ihm geborgen, und er schien sie ja auch sehr zu mögen.
Es war zu verrückt.
Sogar Lena würde nach diesem Brief die Stirn runzeln.

An diesem Abend also, als Maren und das Biest auf dem Sofa saßen und wahrscheinlich normalerweise unsinnige Wettbewerbe aufgestellt hätten, wurde es still im Zimmer. Maren sah ihrem Biest lange in die braunen Augen, bevor sie den Mund zu öffnen wagte. Und auch dann schloss sie ihn recht bald, ohne einen Laut dazwischen.
Das Biest sah sie liebevoll und geduldig an. Maren setzte ein weiteres Mal an, und dann sprudelte es aus ihr raus. Worüber sie alles nachgedacht habe und das sie das Gefühl habe, Freundschaft wäre leicht untertrieben. Dass sie sich vorstellen kann, den ganzen Kram mit den Unterschieden zu vergessen und einfach hier zu bleiben. Für immer. Sie passen einfach zusammen, gerade weil sie so sind, weil sie das Streichholz anzünden kann und er die Kerze erreichen. Und sie möchte, dass es so bleibt und zu guter Letzt fände sie noch einen Kuss angebracht.
Sie grinste.
Das Biest sah sie mit großen Augen an.
Großen, traurigen Augen.

Das war nicht gut.
Was hatte sie falsch gemacht? Das Biest mochte sie doch!
Sie sah ihn an.
Er schwieg.
Sie senkte den Kopf, überlegte mit aller Kraft, was falsch war. Er schwieg.
Irgendwas lief verdammt schief. Er musste sie mögen! Er schwieg noch immer.
Tränen schossen ihr in die Augen. Er mochte sie nicht. Der Himmel wusste wieso, aber er mochte sie nicht.
Alles war falsch. Und die ganze Zeit bisher… keine Ahnung. Aber er mochte sie nicht.
“Wieso magst du mich nicht?”
Ihre Stimme war nur ein Krächzen.
Langsam fand das Biest seine Worte.
“Natürlich mag ich dich. Ich mag dich sehr.”
Er schwieg wieder. Suchte nach Worten.
“Ich hab das Gefühl, du wärst schon immer hier gewesen. Und es ist schwer, mir vorzustellen, wie es anders ist. Ich mag deine Geschichten und deine Art und ich möchte auf dich aufpassen und dich beschützen… aber ich möchte dich nicht küssen. Ich mag dich anders, als du denkst”
Maren sah ihn lange an.
“Ich mag dich wie eine Tochter. Ich mag dich mehr als du dir vorstellen kannst. Aber nicht so.”
Maren schluckte. Sie kam sich sehr dumm vor. Und irgendwas gewaltiges Steckte in ihrem Hals fest und tat weh.
“Und es gibt noch etwas, was ich dir sagen sollte.”

“Es ist eine gute Weile her, da wurde ich mit einem Fluch belegt. So ein bisschen wie Froschkönig, nur wie du siehst – ich bin kein Frosch. Ich habe damals ziemlichen Mist gemacht… ziemlich viele liebe Mädchen traurig gemacht, ein echter Herzensbrecher… vielleicht erzähle ich dir das später, sagen wir einfach, der Fluch war verdient.
Und bis ich es nicht ernst mit einem Mädchen meine, das heißt, bis ich nicht von einem Mädchen voll der wahren Liebe – die dank meiner Gestalt notwenig ist – geküsst werde, sehe ich so aus. Die Fee damals glaubte, ich müsste mich diesmal wirklich wie ein Gentleman verhalten, um irgendwen dazu zu bringen, mich zu lieben. Wie du merkst, der Plan hat einen Denkfehler. Ich muss mich noch immer nicht in das notwenige Mädchen verlieben, was bedeutet, dass ich ihm wiederum das Herz brechen werde. Auch, wenn es mir diesmal weit schwerer fällt.

Ich habe einige Jahre hier gelebt und mich mehr oder weniger an meine Gestalt gewöhnt. Aber als ich von deinem Vater, einem Mann, der in meiner Schuld stand, hörte, dass er eine Tochter hat… ich hielt es für meine Chance. Ich wollte einfach raus aus diesem Körper. Und ich überließ ihm die Rose zu einem völlig überteuerten Preis.
Meine ersten Gedanken waren voll der alten Falschheit. Ich ließ meinen Charme spielen, nannte dich meine Schönheit – nicht dass du nicht schön wärst…
Ich wollte, dass du mich irgendwie süß fandest, trotz oder vielleicht wegen meines Aussehens. Und ich überlegte fieberhaft, wie ich dich dazu bringen könnte, mich zu küssen.
Und mit der Zeit wurdest du mir mehr wert als ein Spiel. Ich wollte dich nicht gewinnen. Nicht so.
Mich hat schon lange niemand mehr so angelächelt, und ich tat vieles, nur um dieses Lächeln zu sehen. Und wenn ich sah, dass es dir gut ging, machte mich das glücklich. Und wenn du schliefest, sahst du so unantastbar aus… ich wagte es nicht, mir einen falschen Gedanken zu machen. Ich wusste, dass ich dich niemals so ausnutzen könnte.
Ich begann, dich ehrlich zu lieben.Viel ehrlicher, als je jemanden zuvor.Und mit viel einfacheren Zielen.
Für deinen Wunsch, dass ich dich umarme, hörte ich mir jede traurige Geschichte an… auch wenn ich dabei jedes Mal Gefahr lief, dass mir selbst die Tränen kommen.
Für dich, wenn du dich schlafend in dein Bett tragen lässt, saß ich manchmal lange sehr still, bis der Schlaf dich restlos besiegt hatte.
Für deinen Blick, wenn du es geschafft hattest, einen Korb Pflaumen zu pflücken, ohne dass diese dämliche Leiter wegrutscht und umfällt, verbrachte ich eine Nacht, sie unauffällig an den Baum zu nageln…”
Maren runzelte die Stirn. Sie war so stolz auf ihren Korb blessurenloser Pflaumen gewesen…
“Naja, um es kurz zu machen:Ich könnte mich von dir küssen lassen, und dann wäre alles super. Du wärst glücklich und ich wäre normal und vielleicht könnte ich dir eine Weile eine Beziehung vorspielen, nur für den Fall, dass ich irgendwas an dem Fluch übersehen habe und eine Beziehung auch dazugehört. Und danach hätte ich wieder freie Hand und ein weiteres Mädchen auf dem Gewissen.Aber das möchte ich nicht.
Diesmal nicht.”

Maren schluckte noch einmal. Tränen rollten über ihr Gesicht und tropften ihre Jeans nass.
Sie war sich nicht sicher, ob sie mit der Entschuldigung zufrieden war.
Ein falscher Kuss hatte ihr nicht halb so sehr die Laune verdorben.
Sie atmete tief, wischte sich die letzte Träne weg und beugte sich vor zu ihrem Biest.
Sanft küsste sie ihn auf den Mund.
Bevor er sich verwandelte, stand sie auf, wandte sich von ihm ab und verließ den Raum.
Es wurde Zeit, dass sie nach Hause ging. Lena vermisste sie.

(August 2008)

3 Comments

  1. silentx sagt:

    interessante Variante.. und gut zu lesen
    auch wenn ich ab und zu gestutzt habe .. hier z.b.:
    ” du bist mir zu lieb geworden, als dann ich dich einsperren wollte.”
    “als dass” hätte ich da glaub ich erwartet..
    :) hin wie her.. auf den Roman bin ich gespannt (falls das Thema was für mich ist :/ )

  2. Tanja sagt:

    Hi silentx,
    Danke, da hast du einen Tippfehler gefunden! ich kümmer mich drum.
    Der jetzige Roman hat mit Märchen wenig zu tun, er geht eher in Richtung Science-Fiction.
    Vielen Dank für deinen netten Kommentar!

  3. silentx sagt:

    science fiction und fantasy gehen gut bei mir :D

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