Der Auftrag
Langsam schüttelte er wieder den Kopf: “Du sollst den Menschen helfen, nicht sie und dich in Schwierigkeiten bringen.”
Ich nickte ohne ihn anzusehen und er fügte etwas ruhiger hinzu: „Zudem ist es dir verboten, auf eine Beziehung mit deinen Schützlingen einzulassen“
Wieder nickte ich nur und strich mit einer Hand über meine flauschigen Flügel, um mich zu beruhigen. Schon das zweite Mal war das, dass Gott mich getadelt hatte. Doch er schickte mich immer wieder zum Gleichen. Er wollte, dass ich diesen Auftrag erledigte. Dass ich einem jungen Mann half, wieder in die Welt zu finden. Weg von der Gosse. Gott meinte es gut mit mir. Wollte, dass ich endlich diese verdammte Prüfung bestand, und so zu einem vollendeten Engel würde. Bis ich mich endlich überwand und aufhörte, meine Schützlinge zu lieben, würde ich wohl das bleiben, was ich schon mein ganzes Leben lang war. Mutter Mensch, Vater Engel: eine Irdische mit Aufnahmeprüfung für die Erlaubnis, den Himmel zu betreten.
Ich schwang meine Flügel, glitt durch die Luft, die hier oben in dieser Jahreszeit recht kühl war, tiefer und tiefer, bis ich auf dem Boden ankam. Zwischen halb abgerissenen Mauern und Straßenstaub lauschte ich den vorbeirauschenden Autos. Dies war unser Treffpunkt. Und wenn ich nicht aufpasste, trafen wir uns. Ich wusste, dass sich nichts daran geändert hatte, dass ich immer noch in ihn verliebt war. Ich sollte aufhören, ihn nicht wieder sehen. Er zerstörte meinen Traum, volles Mitglied im Himmel zu werden.
Schließlich nahm ich eine farbverschmierte, fast leere Spraydose vom Boden und sprühte die Wand voll. Sprüche ohne Bedeutung und manche sehr unfreundlichen Wörter landeten an ihr. Über den ganzen Kram sprayte ich kaum erkennbar mit dem allerletzten Rest Farbe „get lost“. Ja, er sollte abhauen. Aus meinem Leben verschwinden, irgendwohin weit weg, weiß der Henker wo. Es war mir egal. Warum ich mich plötzlich umdrehte, weiß ich nicht mehr, doch sie waren da. Kastanienbraun und betrübt – seine Augen. Er lächelte traurig, als er mich sah.
Das Scheppern der Spraydose zerbrach die Stille, die sich ausgebreitet hatte, sogar die Autos hatten begonnen, andächtig zu schweigen. Einen Moment später realisierte ich, dass ich die Dose wohl fallen gelassen hatte.
Womit hatte ich diesen Auftrag nur verdient? Ich blickte in sein lächelndes Gesicht.
„SUCH DIR ENDLICH EINE ARBEIT!“, schrie ich. Sein Lächeln wich, doch weinend und nach Atem ringend rief ich: „Du zerstört mir Stück für Stück mein Leben, bist zu schwach, ein eigenes zu führen. Bitte mach es mir nicht so schwer. Ich wurde hier her geschickt, um ein Puzzel, dass du dein Leben nennst, zusammenzuflicken. Aber ich bezweifle, dass dir noch irgendjemand helfen kann. Mach was aus dir. Da holt dich jetzt keiner raus. Bitte.“
Er sah mich lange an; ernst und ziemlich niedergeschlagen antwortete er: „Okay“
Und im selben Moment wurde mir klar, dass ich schon wieder einen großen Fehler begangen hatte. Denn er brauchte mich weniger als ich ihn.
Einen langen Augenblick lang schauten wir uns beim Schweigen zu, und dann drehte er sich wortlos um und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen. Wenn er wiederkäme, würde er Arbeit haben. Vielleicht mehr. Eine Frau, Kinder.
Es war das erste Mal, dass ich ihm nicht viel Glück wünschte. Denn mir war klar geworden, dass sobald er ein eigenes Leben führte, ich nicht mehr ein Teil davon war.
(2005)