Entdeckungen
Es gab zwei Dinge, die mich die letzten Wochen davon abgehalten haben, größer Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen.
Zum einen habe ich so richtig aufgeräumt.
Jawohl, ich.
Wer mich persönlich kennt, weiß, dass das eine Erwähnung wert ist.
Ich habe, als mein Abi rum war, das fünfte bis elfte Schuljahr auf einen Ordner zusammengebracht. Darin habe ich ein bisschen was an Erinnerungen und Wissenswertem aufgehoben. Der Rest hat die Schmierpapiervorräte meines Vaters und den Papiermüll gefüllt.
Zur Zeit miste ich ein wenig meine Kindergarten- und Grundschulordner aus, als nächstes kommt die Kollegstufe dran.
Meine Schränke, meine Fotoalben, die Kisten auf dem Schrank und hinterm Sofa… dort bin ich auch wild am sortieren. Ich habe bereits einen Wäschekorb voll mit Sachen für Oxfam.
Der zweite Grund, wieso ich kaum am Computer saß, war eine ziemlich nervige Grippe, die mir noch immer ein wenig die Stimme raubt.
Während die Grippe eher wenig Erstaunliches ans Tageslicht gebracht hat, ist das Aufräumen bisweilen eine ziemlich interessante Angelegenheit. Ich habe beispielsweise einen Brief entdeckt, den ich mir in der dritten Klasse selbst geschrieben hatte. Geplant hatte ich damals einen “Brief durch die Zeit”, bei dem ich meinem zukünftigen Ich hallo sagen kann. Viel mehr als ein “hallo” fiel mir dann aber auch nicht ein, deshalb ist er ein wenig auf dem Niveau “Wir geht es dir? Mir geht es gut.” geblieben. Trotzdem gefällt mir die Idee.
Ich hatte ihn schon einmal wiedergefunden, als ich in der siebten Klasse war, und einen neuen Brief mit in den Umschlag gelegt. Darin steht zum Beispiel, dass ich gar nicht mehr wüsste, dass ich ihn je geschrieben hatte.
Auch diesmal war ich wieder völlig ahnungslos, als ich den Umschlag öffnete. Und natürlich kam wieder ein weiterer Brief in den Umschlag, bevor ich ihn mir gut versteckt habe.
Außerdem habe ich meine früheren Schreibversuche wieder entdeckt. Eine Geschichte habe ich gleich mal bei den sonstigen Texten eingetragen
Wählt Französisch.
Ein Sache, die ich an meiner Schule besonders geschätzt habe, waren die vielem Wahlmöglichkeiten.
Ab der fünften Klasse hieß es: Deutscher Unterricht oder bilingual?
Ab der siebten: Französisch oder Latein?
Ab der neunten: Spanisch oder Chemie?
Ab der zehnten: Kunst oder Musik?
Ab der zwölften schließlich durfen wir auch noch unsere Leitungskurse und Grundkursfächer wählen.
Diese Entscheidungen hießen aber immer auch, dass man viel Gelegenheit zum Bereuen hatte.
Ob ich nun im englischen Geschichtsunterricht saß, französische Grammatik paukte, mir zum dritten Mal von Christian Chemie erklären ließ oder vom meinem Deutsch-LK genervt war: Es gab nach fast jeder Entscheidung einen kurzen Moment, in dem ich dachte: Wieso wollte ich das nochmal unbedingt so?
Insbesondere nach meiner Entscheidung für Französisch hielt sich dieser Gedanke recht hartnäckig. „Nulla poena sine lege“ und das Kommultativgesetz gaben mir immer das Gefühl, die Lateiner wären klar im Vorteil.
Als sich unsere Englischlehrerin dann im letzten Jahr standartmäßig an die Lateiner wandte, wenn es darum ging, eine Vokabel zu verstehen, lernte ich aber langsam die einfachen Regeln der Lateiner. Egal, um welche Vokabel es ging: Sie hängten voll des Selbstbewusstseins ein -are dran und sagten dann, dass sie die konkrete Bedeutung jetzt aber nicht parat hätten.
Accumulate? „Accumulare, aber ich bin mir nicht sicher, was das heißt.“
Abbreviate? „Abbrevare, das bedeutet… warten sie, gerade hatte ich es noch… ach, jetzt hab ich‘s vergessen.“
Doch das reichte schon, um unser Englischlehrerin ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Innerhalb von fünf Jahren haben die Lateiner offensichtlich nichts anderes gelernt, als mit einem überzeugenden Gesichtsausdruck ein -are hinter die Wörter zu hängen.
Ich habe auch in Norddeutschland einmal Maries Oberstufen-Lateinunterricht besucht. Ein Text wurde auf den Overheadprojektor gelegt, und die ganze Stunde lang geschah nichts, als dass Betonungen durchgesprochen wurden. Die Begründung für die Betonung lief dabei jedesmal nach den gleichen offensichtlichen drei Schemata ab. Und trotzdem brachte es nur ein Bruchteil der Schüler fertig, sich zu melden. Marie meinte, dass hätte mehr was mit Motivation zu tun.
Hätte ich in Französisch die Gelegenheit gehabt, dermaßen billig Punkte abzustauben – ich denke, ich wäre motiviert gewesen. Stattdessen stammelte ich der Klasse verzweifelt auf französisch die Entstehung der Institutionen der EU vor – um dann mit 2,53 Französisch doch nur mit einer drei abzulegen.
Die Erzählungen meines Vaters, wie er durch den Lateinunterricht gekommen ist, haben meiner Sichtweise nun auch nicht gerade gut getan.
Meine Achtung vor den Lateinern schwandt damit etwas – und damit auch das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben.
Ich kann deshalb nur raten: liebe Kinder, nehmt Französisch.
- Man kann später etwa genausoviele Worte ins Englische oder Spanische ableiten.
- Es gibt ständig Möglichkeiten, einen Austausch zu machen.
- Trotz meinen Berührungen mit dem Lateinunterricht habe ich mir sagen lassen, dass Latein kein angenehmes Fach ist
- Im späteren Leben kann man sich mit deutlich mehr Menschen auf französisch unterhalten denn auf lateinisch.
- Die französische Grammatik ist auch nicht ätzender als die lateinische
- Alles, was du an lateinischen Vokabeln dadurch verpasst, kannst du im Zweifelsfall durch das Anhängen eines -are ausgleichen
Wie man durch den Deutschunterricht kommt.
Mein Bruder hat mal angezweifelt, ob es sinnvoll ist, eine Erschließung zu schreiben, die um ein Vielfaches so lang ist wie der Ausgangstext.
Manchmal ist so eine Analyse und Interpretation sinnvoll, ja. Sie kann einen neuen Blickwinkel geben. Sie kann zeigen, wie der Autor eine bestimmte Sprache dazu verwendet, dem Leser ganz subtil irgendwelche Bilder und Gefühle ins Hirn zu schummeln. Manchmal sind Interpretationen wirklich klasse.
In sehr vielen Fällen wird bei der Erschließung allerdings mehr interpretiert, als der Autor wahrscheinlich je sagen wollte. Und phantastische Gedichte, die wirklich Spaß machen, wenn man sie einfach nur ließt oder hört, werden so lange zerkaut und wiedergekäut, bis sie allen Geschmack verloren haben.
Und dann gelten nur noch ein paar Regeln des Deutschunterrichts, bei denen es darum geht, das wenige, was man zu sagen hat, möglichst hochtrabend auszudrücken. Und für alle, die noch nicht wissen, wie man aus einem kurzen Gedicht seitenlange Aufsätze rausholt, hier vier Tipps:
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Es gibt dutzende Stilmittel, und es lohnt sich nicht, alle zu beherrschen. Du wirst eh immer nur sehr wenige finden, und jedes einzelne kann sehr unterschiedlich interpretiert werden. Zwei Stilmittel hingegen finden sich mit Sicherheit in jedem Text, und sie sind beliebig leicht zu deuten. Beherrsche diese beiden:
„Parataxe“: Etwas besteht aus lauter Hauptsätzen. Das sind die ohne Komma. Parataxen sorgen dafür, das Sätze leichter zu verstehen sind. Wenn es sehr kurze Sätze sind, wirken sie außerdem hektischer oder kurz angebunden.
„Hypotaxe“: Die Sätze enthalten Nebensätze. Nebensätze sind die, bei denen das Verb hinten steht. Sie machen einen Text anspruchsvoller. Sie liefern Bezüge, wodurch der Text logischer wird, können einen Text aber auch unnötig kompliziert machen, wenn er dadurch verschachtelt wirkt.
Es ist nicht wichtig, ob diese Stilmittel wirklich aussagekräftig für den Text sind. Es ist nicht wichtig, dass man die dubtileren Methoden eines Autors selten mithilfe der zwanzig Stilmittel findet, die man im Unterricht standardmäßig lernt. Wichtig ist, dass du Stilmittel findest und interpretierst.
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Mache dir klar: Schriftsteller sind Künstler. Deshalb kannst du meistens davon ausgehen, dass sie eine Betonung auf Individualität, Bewusstsein oder kritisches Denken legen. Du musst den Autoren nicht ernsthaft nachvollziehen. Die Botschaft muss nicht bei dir ankommen. Schreib einfach ein paar gewöhnliche Beweggründe dieser Zeit.
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Autoren haben immer recht. Selbst, wenn all ihre Zeitgenossen sie bereits bescheuert fanden – dann waren sie eben missachtet und missverstanden. Sobald sie in deinem Deutschunterricht auftauchen, sind sie per Definition großartig.
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Jeder Text hat eine tiefere, zweite Bedeutung. Selbst, wenn sie noch so weit hergeholt ist und die Gründe dafür fadenscheinig sind. Kein Autor ist je auf die Idee gekommen, einfach das zu schreiben, was er sagen wollte. Interpretiere, was das Zeug hält.
Ein paar Anwendungsbeispiele:
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Du bekommst einen längeren Text, dessen Inhalt du nicht nachvollziehen kannst? Gucke dir die Satzstukutur an. Sage dann etwas wie: „Besonders auffällig ist, dass bereits der Eingangssatz eine hypotaktische Konstruktion enthält, der den Text anspruchsvoll und koherent erscheinen lässt.“
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Du bekommst ein Gedicht von Gottfried Benn, das richtig ekelerregend und abstoßend ist? Sag bloß nicht, dass du es bescheuert findest. Sag, dass der Autor eine besondere Beziehung zu prekären Themen hat. Er möchte das Leiden des Individuums hervorheben, ein Bewusstsein für das Hässliche schaffen und das kritische Denken fördern. Und das findest du toll.
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Du bekommst ein Gedicht, indem irgendetwas mindestens zweifach vohanden ist? Zwei Segel, zwei Blümelein – egal was: Hier geht es nicht um Segel oder Blumen. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen. Vielleicht hat es auch eine sexuelle Komponente.
Ich möchte bitte anmerken: Ich mag das Fach sehr (deshalb habe ich es ja als Leistungskurs gewählt), ich habe Hochachtung vor einigen Deutschlehrern und mir hat insbesondere das letzte Jahr meines Deutsch-LKs sehr gefallen. Dieser Text spiegelt mehr meine Enttäuschung darüber, dass es auch ganz anders laufen kann – was ich insbesondere im ersten Jahr Deutsch-LK, damals noch mit einer anderen Lehrerin, gemerkt habe.
erste Abiturprüfung
Das Blut wandert in meine Beine,
das Herz schlägt mir bis zum Hals
und dazwischen ist mulmige Leere.
Die Körperreaktionen,
die uns ursprünglich für die Flucht vor Feuer und Tigern gegeben waren,
wurden in dreizehn Jahren Schule
auf einen Stift und ein leeres Blatt Papier verlagert.
immuner.
Stellt euch vor, jemand hätte politisch versagt. Er hätte dem Volk Wahlversprechen gegeben, hinter denen seine Partei nicht steht und die er nie und nimmer durchhalten kann, hätte im Bundestag nicht die nötige Seriösität gezeigt, Witze über die Lage in Ägypten gerissen und dusselige Entscheidungen getroffen. Das Volk ist empört, und darum entzieht man ihm nun – das Sorgerecht für seine Kinder.
Vielleicht war er auch als Vater schlecht. Keine Ahnung. Aber hauptsächlich entzieht man damit den Kindern einen potentiell guten Vater. Klingt nach einer schwachsinnigen Entscheidung.
Stellt euch vor, jemand hätte privat versagt. Wäre betrunken am Steuer gewesen oder hätte in seiner Doktorarbeit geschummelt. Und daraufhin verliert er – wenn auch der Würde halber selbstbestimmt – sein Amt
Vielleicht hat sein Verhalten gezeigt, dass er keinen astreinen Charakter hat. Vielleicht kann man vage daraus schließen, dass er auch sein Amt nicht verdient hat. Hauptsächlich entzieht man Deutschland damit aber eine potentiell gute Führungsperson.
Dass man dieser Person in seinem beruflichen Bereich nichts nachweisen konnte und seine Gegner daher auf ungeeignete Anschuldigungen ausweichen mussten, spricht für die Person.
Dass die Gegner trotzdem irgendwelche Argumente aus dem privaten Bereich nutzen können, um ihn beruflich zu sanktionnieren, spricht gegen unser Rechtssystem.
Ich bin nicht gegen die Sanktion. Bitte, es sollte durchaus Folgen haben, wenn sich jemand daneben benimmt, egal wo. Aber die Sanktion sollte – solange es nicht etwas über seine Qualifikation zu diesem Beruf aussagt (Kindergärtner sollten nicht nebenberuflich Vergewaltiger sein) – in diesem Bereich bleiben.
Freiheit, Freizeit, neues Leben!
Als ich etwa zehn war, habe ich an einem Mädchen-Selbstverteidigungskurs teilgenommen.
Um ein bisschen unser Selbstvertrauen zu pushen, sollten wir mit der bloßen Hand ein Brett zerschlagen. Natürlich hatten wir alle Angst, uns weh zu tun, und wollten deshalb nicht kräftig zuschlagen. Also hat die Leiterin ein Tuch unter das aufgestemmte Brett gelegt und meinte, wir sollen uns nur darauf konzentrieren, das Tuch zu treffen. Das Brett gar nicht beachten, keinen Gedanken daran verschwenden. Nur das Tuch ist wichtig.
Es klappte phantastisch. Wir haben alle das Brett zerschlagen.
In sechs Wochen beginnen meine Abiprüfungen.
Und irgendwie habe ich die Hoffnung, diese fabelhafte Strategie könnte nochmal klappen…
Meine wachsende Pyromanie
Kleine Vorgeschichte: Als ich schätzungsweise fünf war, wurde bei meinen Lieblings-Nachbarn mit einem übriggebliebenen Böller Feuer gelegt (indem ihn wohl irgendjemand angezündet und in ihre Mülltonne gesteckt hatte). Die Nachbarn waren nicht zu Hause und nachdem mein Bruder das Feuer bemerkt hatte, versuchten er und ich es die ersten fünf Minuten alleine in den Griff zu kriegen. Es war noch nicht weit über die Mülltonnen hinausgekommen, aber bereits größer als wir. Und während wir mit viel zu kleinen Mengen Regenwasser gegen ein wachsendes Feuer kämpften, hörte man aus dem Haus das Bellen des Jagdhundes. Er war nicht in Gefahr, aber er versuchte verzweifelt, Alarm zu bellen.
Das Image von Feuer hat unter dieser Begebenheit stark gelitten.
Daher hat es auch lange gebraucht, bis ich Streichhölzer anzünden konnte. Und Feuerzeuge beherrsche ich noch immer nicht. Das hat aber wiederum nichts mit Angst zu tun, sondern schlicht mit meiner Ungeschicklichkeit.
Wie auch immer: Ich habe eigentlich nicht gerade ein gutes Ausgangsverhältnis zum Feuer.
Seit diesem Weihnachten weiß ich aber, dass ein offener Kamin so ziemlich das Gemütlichste ist, was man sich ins Zimmer stellen kann. Man kann da auch Stunden reingucken. Vielleicht, weil das Feuer zu schnell für unsere Augen ist. Wie unter Blitzlicht ist die Flamme mal so, mal so, ohne, dass wir den Übergang gesehen haben. Und dabei sind seine Züge so weich. Schnell züngelnd, aber trotzdem, als wäre jede Bewegung genau so geplant gewesen. Geschmeidiger als fließendes Wasser. Abgerundeter als die computerretuschierten Kurven der Frauen aus Modeblättern. Ein optischer Hammer.
Außerdem habe ich festgestellt, dass Feuer hier nicht, wie es bisher in meiner Vorstellung war, ein gefährliches, schnell um sich greifendes Monster ist, sondern ein schüchternes Würmchen, das man mit kleinen Stöckchen aufpeppeln muss, das man sehr sorgsam bepusten muss und an dem man Streichholz für Streichholz verbrennen lässt, bevor es langsam, ganz langsam das Selbstvertrauen fast, ein paar Minuten eigenständig zu Knistern. Und auch dann ist es noch ein langer Weg zu einem prassenden Kaminfeuer, das über Stunden hinweg immer neue Scheite verlangt, um hohe Flammen schlagen zu können.
Das gilt zumindest für jedes Feuer, das ich bisher zu entfachen versuche.
Wenn also jemals meine neu gewonnene Begeisterung für Feuer ins Böse umschlagen sollte, dann kann ich versichern, dass jede Angst vor mir unbegründet ist.
Ich wäre der untalentierteste Pyromane, der je brandstiften wollte.
Weihnachten
Ich habe ein tolles Weihnachten hinter mir.
Dabei war meine Vorweihnachtszeit eigentlich kein Stück besinnlich.
Ich bin in einem verkürzten Jahrgang, daher wurde der Termin für die Facharbeitsabgabe stark vorgezogen (23.12.). Meine Fächerkombination und meine Wahlfächer sorgten dafür, dass ich eine Woche länger Klausuren schrieb als die meisten meiner Jahrgangskameraden. Dadurch, dass ich im Chor und im Vokalensembe bin, gab es kurz vor dem Weihnachtskonzert (am 22.12.) noch einige Sonderproben am Nachmittag. Und irgendwo dazwischen hätte ich auch noch Weihnachtsgeschenke besorgen müssen.
Kurz und gut: In der Nacht vor der Facharbeitsabgabe machte ich durch, um sie zu korrigieren und sie auszudrucken. Ach, und um meine Tasche zu packen, weil wir am nächsten Tag nach Niedersachsen wollten.
Zwischen zwei und drei Uhr nachts hielt ich erstmals meine Facharbeit stolz in den Händen: „Geschichte – Mythos – Gegendichtung: ‚Wilhelm Tell für die Schule’ von Max Frisch’“ lautete mein Titel.
Dann fand ich einen Rechtschreibfehler. Und entdeckte eine fehlende Quellenangabe. Und änderte noch eine Überschrift. Und druckte immer wieder die betroffenen Seiten neu aus – um festzustellen, dass etwas verrutscht war. Ich änderte es, da verschwand meine automatisch generierte Seitenzahl. Der Text rutschte auch plötzlich auf die nächste Seite.
Ich stellte alles wieder her, versuchte es erneut, drehte eine Runde am Rad und trickste schließlich solange rum, bis ich zumindest in der ausgedruckten Version jede Seite einmal gemäß der Vorschriften hatte (es war derweil fünf Uhr morgens). In meinem Dokument auf dem Computer herrschte inzwischen das reine Chaos.
In derselben Nacht hatte ich eigentlich das Geschenk für meinen Vater fertigmachen wollen. Aber auch eine durchgemachte Nacht – von der ich mir bisher immer unermessliche Mengen an Zeit versprochen hatte – hat Grenzen. Als mein Radiowecker anging sah ich ein, dass er dieses Jahr einen Gutschein für ein nachgeliefertes Geschenk bekommen müsste.
Und dann ging ich, wie üblich, zum Bus. Und wie üblich kam der Bus etwas früher, als es mir lieb war, und ich musste rennen. Und nach vierundzwanzig Stunden Schlafentzug – und das ist jetzt nicht mehr üblich – wurde mir vom rennen schwindelig und ich war restlos groggy, als ich in der Bus einstieg.
Marie, die seit dem Vortag da war, stieg etliche Stationen weiter dazu. Irgendwie mag sie es, mich in die Schule zu begleiten. Wir gaben meine Facharbeit ab (in der ich im letzten Moment doch noch einen Rechtschreibfehler fand, verdammt) und warteten auf den Gong. Netterweise schrieb sie in Mathe für mich mit, während ich meinen Kopf in den Armen vergrub und ein bisschen Schlaf nachholte. Als das vorbei war steckte sie mich auf die Rückbank des Bullies, übernahm zusammen mit Christian das Fahren und ließ mich ein paar wunderbare Stunden schlafen.
Zum ersten Mal war ich über die Feiertage nicht bei meiner Familie, sondern bei der Familie meines Freundes. Menschen und Katzen wurden bei der Ankunft ausgiebig geknuddelt und die letzten Angelegenheiten für den nächsten Tag wurden besprochen. Und viel zu wenige Stunden Schlaf später war Heiligabend.
Nach der Kirche brach eine Diskussion aus. Es fing noch mit dem Thema der Predigt und Religion an sich an. Marie diskutierte mit Burkhard und Claudia, Christian mit Phillip und Daniel mit mir. Irgendwann waren wir bei wissenschaftlichen Thesen und religiösen Dogmen, Gnosis und Agnostizismus angelangt. Während wir vor der Tür noch zackerten, sangen die anderen drinnen schon mal Weihnachtslieder. Zum ersten Mal habe ich mit Daniel ein richtiges Gespräch geführt.
Am ersten Weihnachtsfeiertag bearbeiteten Marie und ich eine Gans. Am zweiten spielten alle Activity (mit viel Improvisation, da wir das Spiel gar nicht da hatten). Am 27. gingen wir zusammen ins Kino, um Rapunzel zu gucken.
Und in der Zeit dazwischen habe ich ein paar Erfahrungen gesammelt.
Zum Beispiel, dass Katzen und Winter eine nur mittelgute Mischung abgeben.
Einerseits gibt es im Winter keine Zecken – das ist klasse. Auch sind sie sehr schmusebedürfig und rollen sich überall zusammen, wo es warm ist, was zusammen mit dem Eiszapfen an der Dachrinne und einem offenen Kamin ein klasse Bild abgibt.
Andererseits sind sie der Meinung, dass es viel zu kalt ist, um ihr Geschäft draußen zu verrichten, und kacken lieber auf den Teppich. Und das ist Scheiße. Wortwörtlich.
Wie ich außerdem festgestellt habe ist Christians Familie (über 60% männlich, über 80% volljährig) bereit, sich mit großer Freude einen Barbie-Animationsfilm anzusehen – vorausgesetzt, die zweiundzwanzigjährige Tochter der Familie, von der der Film stammte, leidet darunter Qualen der Scham und kann noch tagelang mit Zitaten daraus aufgezogen werden.
Als nächstes steht uns Silvester bevor. Das wird super.
Schreibflow
Ich weiß, dass mir nachts das Schreiben leichter fällt.
Keine Ahnung wieso.
Seit ich kaum noch Zeit für meine längeren Geschichten habe, kam die Nacht meistens meinem Schönheitsschlaf zugute.
Jetzt habe ich festgestellt, dass der nächtliche Vorteil auch für die Facharbeit gilt. Yay!
Endlich habe ich eine gescheite Einleitung =)
Noch wenige Stunden, dann werde ich in kater-ähnlichem Zustand in der S-Bahn sitzen, auf dem Weg zum Englischunterricht, und diese Erfahrung bitter bereuen…
Bilanz
Gerade habe ich um unser Haus Schnee geschippt (und wir haben ein Eckhaus, verdammt…) und da dachte ich, dass es Zeit wäre, Bilanz zu ziehen. Gucken, ob ich den Winter nun gut oder schlecht finden soll. Zunächst einmal: Schneeschippen ist eindeutig ein Argument für schlecht. Zumal es total pulvriger Schnee ist, den man wirklich kehren muss, statt einfach ein paar Kugeln für einen Schneemann den Gehweg entlangzurollen. Das Zeug pappt kein Stück! Man kann noch nicht mal seinem Vater auf dem Weg zur Arbeit mit Schneebällen hinterherwerfen…
Andererseits kann man sogar dem Stromkasten vor dem Haus etwas Kitsch zuschreiben, seit alles voller Schnee ist. Und irgendwie gehört es zum Winter ja auch dazu, dass es nur noch den blauen Himmel und das Weißbedeckte darunter gibt. Und jetzt gerade glitzert auch noch die aufgehende Sonne zwischen den schneebedeckten Zweigen durch… Schnee an sich packe ich also mal auf die positive Liste.
Aber dann gibt es auch wieder Tage, an denen anstelle von blau-weiß grau-grau herrscht. Das ist Unbayrisch!
Und vor allem heißt das, dass ich durch den schnöden Schneematsch laufen muss. Und der kombiniert die schlechten Eigenschaften des Schnees (Nässe und Kälte) mit ein paar Features wie besonderer Dreckigkeit und der Fähigkeit, meterweit spritzen zu können.
Dieses Übel in Perfektion kommt natürlich auf die contra-Winter-Seite.
Heiße Bratäpfel, Punsch und Glühwein machen allerdings auch erst richtig Spaß, wenn man mit roten Backen und ausgekühlten Zehen nach Hause kommt. Sowas kann man nicht bei 17 Grad leckern.
Wird dem Winter gutgeschrieben.
Ein lästiger Zusatz ist die Luftfeuchtigkeit. Hat man gerade gelüftet und heizt danach, hat man viel zu niedrige Luftfeuchtigkeit und der Hals tut weh. Kommt man frisch aus der Kälte ins Warme, ist die Luftfeuchtigkeit hingegen grundsätzlichzu hoch und man sieht erstmal nichts mehr, weil die Brille beschlägt.
Niedlich hingegen sind kleine Kinder im Schneeanzug. Die tollpatschige und etwas unbeholfene Weise zu laufen, die man sonst nur bei Ein- bis Zweijährigen genießen kann, wird durch einen gut ausgepolsterten, dicken Schneeanzug bis aufs fünfte Lebensjahr erweitert. Klares Pro-Argument.
Schlecht hingegen ist, dass ich selbst nicht derart gut ausstaffiert bin wie die Kleinen. Wenn ich dick eingemümmelt bin, sehe ich weder niedlich aus, noch ist meine Hüfte in jeglicher weise von meiner Taille zu unterscheiden. Ich sehe einfach nur dick eingemümmelt aus. Mit Rollkragenpulli über einem langarmigem Shirt, mit Leggins unter den Jeans und Wollsocken. Und dann Jacke und Mütze und Handschuhe und Winterstiefel, die nicht mal richtig wasserfest sind. Negativ.
Aber nun mal zu dem Pro-Argument, dass überhaupt dafür sorgt, dass ich heute Morgen diesen Text schreiben kann: In den mittelfränkischen Schulen ist heute schneefrei. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich schneefrei.
Jippii!
Fazit: Unterm Strich ist er Winter gar nicht so schlecht.