Unschweigsam

You are currently browsing the Unschweigsam archives for August 2011

Neustart

  • 28. August 2011 22:40

Morgen ziehe ich um. Wuhu! Ich bin noch nie umgezogen.

Ich bin so gespannt, wie es ist, alleine in Schwerin zu sein.

 

Ich habe sogar meinen Minirock eingepackt. Den trage ich praktisch nie. Meine Mutter hat ihn mir mal gekauft, als ich etwa vierzehn war. Wenn es um Schuhekauf und Mode geht, steht meistens meine Mutter hinter mir, um mich mit allen Mitteln zum Einkaufen zu bewegen.

Jetzt jedenfalls habe ich ihn trotzdem eingepackt.

Ich bin in einer neuen Stadt, kein Schwein kennt mich. Niemand kann sagen “Das passt gar nicht zu dir”, weil niemand mich kennt. Niemand denkt sich “Das ist doch die, die früher mal mit Braids rumgelaufen ist – jetzt hat sie den nächsten Knall!”. Niemand wird mich angucken und den Kopf schütteln.

Naja, letzteres vielleicht doch, wenn ich es allzu bunt treibe.

Aber bis dahin kann ich auch mal einen Minirock anziehen. Ich kann verhanden. Ich kann Kajal verwenden. Ich kann Leute ansprechen, die ich gar nicht kenne, um ätzend banale Smalltalk-Themen mit ihnen zu beplaudern. Ich kann also jede Menge Dinge tun, die ich normalerweise nicht tue.

Vielleicht bleibe ich bei vielem an meinen inneren Barrieren stecken. Aber alle äußeren Barrieren – die Erwartungen, die Blicke, die Beziehungen, das “soetwas hat sie doch noch nie gemacht”, das fällt jetzt plötzlich weg.

 

Ich will mich nicht unbedingt ändern. Aber ich möchte sehen, ob ich auch anders sein kann. Wahrscheinlich werde ich mir dabei irgendwann unsympatisch werden. Und dann kehre ich einfach zu dem zurück, was ich jetzt bin. Mit dem Unterschied, dass ich mich frei – im Wissen meiner Optionen – dazu entschieden habe.

Mäuse

  • 15. August 2011 18:00

Ich habe am Freitag meinen zweiwöchigen Ganztags-Babysitterjob hinter mir gelassen. Das heißt, noch nicht vollständig – ein paar mal werde ich in der nächsten Woche nochmal nach Erlangen fahren, um einige Stunden auf die zwei Mäuse aufzupassen. Aber jeden Tag um acht Uhr hin und um halb sechs wieder nach Hause, das ist jetzt erstmal erledigt.

 

Ich vermisse die Kleinen schon jetzt. Die Kinder, auf die ich bisher aufpassen musste, waren nicht unter vier. Jetzt hatte ich erstmals eine Einjährige und eine Zweieinhalbjährige. Mäuse eben.

 

Am ersten Tag saß ich im Sitzsack, hatte die Kleine im Arm und die große kletterte auf meinen Rücken. Beide waren noch etwas verschnupft. Folglich sagte der Vater mir abends: “Oh, die Kleine hat dir etwas aufs Hemd gerotzt” und die Große gab stolz zurück “Und von mir hat sie was am Rücken!”

 

Was hab ich in den zwei Wochen so gelernt?
Ein bisschen was darüber, wie das mit Pädagogik in Theorie und in Praxis ist.
Natürlich sollen die Mäuse zum Beispiel schon ein paar Entscheidungen treffen und eine eigene Meinung vertreten. Das ist super.
Was aber, wenn die Einjährige entscheidet, dass sie gerne in einem der normalbeseiteten Büchern blättern möchte – statt in den Kartonbüchern, die sie nicht ratzfatz zerknickt und zerreißt?
Was, wenn die Zweijährige die Meinung vertritt, dass ihre Förmchen auf dem Spielplatz von keinem anderen Kind angefasst werden dürfen, während sie schaukelt?
“Möchtest du vielleicht aufhören, das Buch zu gefärden, und stattdessen lieber dieses hier durchblättern, ja? Guck mal, da ist eine lustige Ente drauf!” ist, bösartig betrachtet, eine manipulative Suggestivfrage.
“Wenn du ihm die Schaufel lässt, dann würde er sich so freuen. Und ich gehe dafür auch mit dir balancieren!” ist eine Bestechung. Auch das ist nicht sonderlich pädagogisch.
Ich weiß nicht, wie die Ideallösung aussieht. Ich denke, wenn es um große Fragen und dauerhafte Lösungen geht, dann sollte Erziehung nicht auf Ablenkung, Manipulation und Bestechung beruhen.
Gleichzeitig haben beide auf diese Weise erstmal gesehen, dass man auf ein Buch und eine Schaufel verzichten kann, und trotzdem nicht leer ausgeht. Dass Kompromisse auch Spaß machen können.
Vielleicht ist das auch eine notwenige Lektion, bevor Argumente überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen können.
Ich weiß nicht.
Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass zu strenger Idealismus zu Tränen und zerrissenen Büchern führt, aber nicht wirklich zu einem Lerneffekt.

 

Ich habe aber auch anderes gelernt.
Zum Beispiel, dass ein kleines Mädchen ganz sicher sein kann, nicht aufs Klo zu müssen – und man zwei Minuten später mit ihr vom Spielplatz wieder nach Hause eilt, weil die kleine Blase es sich doch anders überlegt hat.
Dass Kartoffelbrei jede Fleischbeilage in den Schatten stellt.
Dass die Welt kurz vor dem Zusammenbruch ist, wenn der richtige Schnuller fehlt.
Dass es mir mehr als ihr wehtut, wenn ich die Große anmaulen muss.
Dass die Frage “Hab ich Entenfüßchen?” das Vertauschen der Schuhe an den Füßen betrifft.
Dass der Regenbogenfisch niemals langweilig wird.
Dass für eine einjährige Maus alles unter “Mama” fällt, was sich bewegt und über 1,50m ist.
Dass es gar nicht leicht ist, eine kleine, liebe, ruhig spielende Maus nicht zu vernachlässigen, wenn eine große, wilde Maus Aufmerksamkeit fordert.
Dass die großen und kleinen Geschäfte auf dem Klo Gesprächsinhalt für die ganze zehnminütige Sitzung bieten.
Dass jedes Vorlesen und Bilder-Angucken durch ein paar Fragen nach dem Grund aufgelockert werden (“Guck mal, das ist ein Prinz” “Warum?”)
Dass Küchen-Schubladen und Schlafzimmer-Schränke einfach niemals offen stehen sollten – zum einen, weil dann der gesamte Inhalt mit großer Freude herausgeräumt wird, zum anderen, weil kleine Hände viel zu schnell eingezwickt sind.
Dass man beim Wickeln grundsätzlich zwei bis drei Hände zu wenig hat.
Dass die Trefferquote eines selbstgeführen Löffels ausgesprochen gering ist. Hinterher ist wohl mehr Kartoffelbrei im Ohr, an der Stirn und auf dem Boden, als im Magen.
Dass ein Bobbycar nicht geteilt wird. Die Förmchen und die Schaufel vielleicht ausnahmsweise. Aber beim Bobbycar endet jede Freundschaft.
Dass auch ein kaltes Essen auf dem Teller nochmal bepustet werden möchte.
Dass kleine Mäuse manchmal nur einschlafen, wenn sie im Stehen auf dem Arm gehalten werden. Wehe, man setzt sich hin!
Dass es mehr Spaß macht, ein Kuscheltier zu werfen, als damit zu kuscheln. Sowie es auch lustiger ist, auf den Buchseiten rumzuklatschen und den Text zuzuhalten, als sich vorlesen zu lassen.
Das alle Wildheit plötzlich enden kann, wenn man Vorgesungen bekommt.
Dass auch eine Zweijahrige verblüffend geduldig mit ihrer kleinen Schwester reden kann und ausgesprochen rücksichtsvoll sein kann.
Dass es völlig egal ist, wenn kleine Mäuse einem ins Gesicht niesen, wild sind, Aufmerksamkeit fordern, ihr drittes Shirt heute eingesaut haben, nur unwillig Zähne putzen, die Milch verschütten und einen abends erschöpft und mit besabberter Jacke gehen lassen – man hat sie ja doch lieb.