Wählt Französisch.
Ein Sache, die ich an meiner Schule besonders geschätzt habe, waren die vielem Wahlmöglichkeiten.
Ab der fünften Klasse hieß es: Deutscher Unterricht oder bilingual?
Ab der siebten: Französisch oder Latein?
Ab der neunten: Spanisch oder Chemie?
Ab der zehnten: Kunst oder Musik?
Ab der zwölften schließlich durfen wir auch noch unsere Leitungskurse und Grundkursfächer wählen.
Diese Entscheidungen hießen aber immer auch, dass man viel Gelegenheit zum Bereuen hatte.
Ob ich nun im englischen Geschichtsunterricht saß, französische Grammatik paukte, mir zum dritten Mal von Christian Chemie erklären ließ oder vom meinem Deutsch-LK genervt war: Es gab nach fast jeder Entscheidung einen kurzen Moment, in dem ich dachte: Wieso wollte ich das nochmal unbedingt so?
Insbesondere nach meiner Entscheidung für Französisch hielt sich dieser Gedanke recht hartnäckig. „Nulla poena sine lege“ und das Kommultativgesetz gaben mir immer das Gefühl, die Lateiner wären klar im Vorteil.
Als sich unsere Englischlehrerin dann im letzten Jahr standartmäßig an die Lateiner wandte, wenn es darum ging, eine Vokabel zu verstehen, lernte ich aber langsam die einfachen Regeln der Lateiner. Egal, um welche Vokabel es ging: Sie hängten voll des Selbstbewusstseins ein -are dran und sagten dann, dass sie die konkrete Bedeutung jetzt aber nicht parat hätten.
Accumulate? „Accumulare, aber ich bin mir nicht sicher, was das heißt.“
Abbreviate? „Abbrevare, das bedeutet… warten sie, gerade hatte ich es noch… ach, jetzt hab ich‘s vergessen.“
Doch das reichte schon, um unser Englischlehrerin ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Innerhalb von fünf Jahren haben die Lateiner offensichtlich nichts anderes gelernt, als mit einem überzeugenden Gesichtsausdruck ein -are hinter die Wörter zu hängen.
Ich habe auch in Norddeutschland einmal Maries Oberstufen-Lateinunterricht besucht. Ein Text wurde auf den Overheadprojektor gelegt, und die ganze Stunde lang geschah nichts, als dass Betonungen durchgesprochen wurden. Die Begründung für die Betonung lief dabei jedesmal nach den gleichen offensichtlichen drei Schemata ab. Und trotzdem brachte es nur ein Bruchteil der Schüler fertig, sich zu melden. Marie meinte, dass hätte mehr was mit Motivation zu tun.
Hätte ich in Französisch die Gelegenheit gehabt, dermaßen billig Punkte abzustauben – ich denke, ich wäre motiviert gewesen. Stattdessen stammelte ich der Klasse verzweifelt auf französisch die Entstehung der Institutionen der EU vor – um dann mit 2,53 Französisch doch nur mit einer drei abzulegen.
Die Erzählungen meines Vaters, wie er durch den Lateinunterricht gekommen ist, haben meiner Sichtweise nun auch nicht gerade gut getan.
Meine Achtung vor den Lateinern schwandt damit etwas – und damit auch das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben.
Ich kann deshalb nur raten: liebe Kinder, nehmt Französisch.
- Man kann später etwa genausoviele Worte ins Englische oder Spanische ableiten.
- Es gibt ständig Möglichkeiten, einen Austausch zu machen.
- Trotz meinen Berührungen mit dem Lateinunterricht habe ich mir sagen lassen, dass Latein kein angenehmes Fach ist
- Im späteren Leben kann man sich mit deutlich mehr Menschen auf französisch unterhalten denn auf lateinisch.
- Die französische Grammatik ist auch nicht ätzender als die lateinische
- Alles, was du an lateinischen Vokabeln dadurch verpasst, kannst du im Zweifelsfall durch das Anhängen eines -are ausgleichen
Wie man durch den Deutschunterricht kommt.
Mein Bruder hat mal angezweifelt, ob es sinnvoll ist, eine Erschließung zu schreiben, die um ein Vielfaches so lang ist wie der Ausgangstext.
Manchmal ist so eine Analyse und Interpretation sinnvoll, ja. Sie kann einen neuen Blickwinkel geben. Sie kann zeigen, wie der Autor eine bestimmte Sprache dazu verwendet, dem Leser ganz subtil irgendwelche Bilder und Gefühle ins Hirn zu schummeln. Manchmal sind Interpretationen wirklich klasse.
In sehr vielen Fällen wird bei der Erschließung allerdings mehr interpretiert, als der Autor wahrscheinlich je sagen wollte. Und phantastische Gedichte, die wirklich Spaß machen, wenn man sie einfach nur ließt oder hört, werden so lange zerkaut und wiedergekäut, bis sie allen Geschmack verloren haben.
Und dann gelten nur noch ein paar Regeln des Deutschunterrichts, bei denen es darum geht, das wenige, was man zu sagen hat, möglichst hochtrabend auszudrücken. Und für alle, die noch nicht wissen, wie man aus einem kurzen Gedicht seitenlange Aufsätze rausholt, hier vier Tipps:
-
Es gibt dutzende Stilmittel, und es lohnt sich nicht, alle zu beherrschen. Du wirst eh immer nur sehr wenige finden, und jedes einzelne kann sehr unterschiedlich interpretiert werden. Zwei Stilmittel hingegen finden sich mit Sicherheit in jedem Text, und sie sind beliebig leicht zu deuten. Beherrsche diese beiden:
„Parataxe“: Etwas besteht aus lauter Hauptsätzen. Das sind die ohne Komma. Parataxen sorgen dafür, das Sätze leichter zu verstehen sind. Wenn es sehr kurze Sätze sind, wirken sie außerdem hektischer oder kurz angebunden.
„Hypotaxe“: Die Sätze enthalten Nebensätze. Nebensätze sind die, bei denen das Verb hinten steht. Sie machen einen Text anspruchsvoller. Sie liefern Bezüge, wodurch der Text logischer wird, können einen Text aber auch unnötig kompliziert machen, wenn er dadurch verschachtelt wirkt.
Es ist nicht wichtig, ob diese Stilmittel wirklich aussagekräftig für den Text sind. Es ist nicht wichtig, dass man die dubtileren Methoden eines Autors selten mithilfe der zwanzig Stilmittel findet, die man im Unterricht standardmäßig lernt. Wichtig ist, dass du Stilmittel findest und interpretierst.
-
Mache dir klar: Schriftsteller sind Künstler. Deshalb kannst du meistens davon ausgehen, dass sie eine Betonung auf Individualität, Bewusstsein oder kritisches Denken legen. Du musst den Autoren nicht ernsthaft nachvollziehen. Die Botschaft muss nicht bei dir ankommen. Schreib einfach ein paar gewöhnliche Beweggründe dieser Zeit.
-
Autoren haben immer recht. Selbst, wenn all ihre Zeitgenossen sie bereits bescheuert fanden – dann waren sie eben missachtet und missverstanden. Sobald sie in deinem Deutschunterricht auftauchen, sind sie per Definition großartig.
-
Jeder Text hat eine tiefere, zweite Bedeutung. Selbst, wenn sie noch so weit hergeholt ist und die Gründe dafür fadenscheinig sind. Kein Autor ist je auf die Idee gekommen, einfach das zu schreiben, was er sagen wollte. Interpretiere, was das Zeug hält.
Ein paar Anwendungsbeispiele:
-
Du bekommst einen längeren Text, dessen Inhalt du nicht nachvollziehen kannst? Gucke dir die Satzstukutur an. Sage dann etwas wie: „Besonders auffällig ist, dass bereits der Eingangssatz eine hypotaktische Konstruktion enthält, der den Text anspruchsvoll und koherent erscheinen lässt.“
-
Du bekommst ein Gedicht von Gottfried Benn, das richtig ekelerregend und abstoßend ist? Sag bloß nicht, dass du es bescheuert findest. Sag, dass der Autor eine besondere Beziehung zu prekären Themen hat. Er möchte das Leiden des Individuums hervorheben, ein Bewusstsein für das Hässliche schaffen und das kritische Denken fördern. Und das findest du toll.
-
Du bekommst ein Gedicht, indem irgendetwas mindestens zweifach vohanden ist? Zwei Segel, zwei Blümelein – egal was: Hier geht es nicht um Segel oder Blumen. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen. Vielleicht hat es auch eine sexuelle Komponente.
Ich möchte bitte anmerken: Ich mag das Fach sehr (deshalb habe ich es ja als Leistungskurs gewählt), ich habe Hochachtung vor einigen Deutschlehrern und mir hat insbesondere das letzte Jahr meines Deutsch-LKs sehr gefallen. Dieser Text spiegelt mehr meine Enttäuschung darüber, dass es auch ganz anders laufen kann – was ich insbesondere im ersten Jahr Deutsch-LK, damals noch mit einer anderen Lehrerin, gemerkt habe.
erste Abiturprüfung
Das Blut wandert in meine Beine,
das Herz schlägt mir bis zum Hals
und dazwischen ist mulmige Leere.
Die Körperreaktionen,
die uns ursprünglich für die Flucht vor Feuer und Tigern gegeben waren,
wurden in dreizehn Jahren Schule
auf einen Stift und ein leeres Blatt Papier verlagert.
immuner.
Stellt euch vor, jemand hätte politisch versagt. Er hätte dem Volk Wahlversprechen gegeben, hinter denen seine Partei nicht steht und die er nie und nimmer durchhalten kann, hätte im Bundestag nicht die nötige Seriösität gezeigt, Witze über die Lage in Ägypten gerissen und dusselige Entscheidungen getroffen. Das Volk ist empört, und darum entzieht man ihm nun – das Sorgerecht für seine Kinder.
Vielleicht war er auch als Vater schlecht. Keine Ahnung. Aber hauptsächlich entzieht man damit den Kindern einen potentiell guten Vater. Klingt nach einer schwachsinnigen Entscheidung.
Stellt euch vor, jemand hätte privat versagt. Wäre betrunken am Steuer gewesen oder hätte in seiner Doktorarbeit geschummelt. Und daraufhin verliert er – wenn auch der Würde halber selbstbestimmt – sein Amt
Vielleicht hat sein Verhalten gezeigt, dass er keinen astreinen Charakter hat. Vielleicht kann man vage daraus schließen, dass er auch sein Amt nicht verdient hat. Hauptsächlich entzieht man Deutschland damit aber eine potentiell gute Führungsperson.
Dass man dieser Person in seinem beruflichen Bereich nichts nachweisen konnte und seine Gegner daher auf ungeeignete Anschuldigungen ausweichen mussten, spricht für die Person.
Dass die Gegner trotzdem irgendwelche Argumente aus dem privaten Bereich nutzen können, um ihn beruflich zu sanktionnieren, spricht gegen unser Rechtssystem.
Ich bin nicht gegen die Sanktion. Bitte, es sollte durchaus Folgen haben, wenn sich jemand daneben benimmt, egal wo. Aber die Sanktion sollte – solange es nicht etwas über seine Qualifikation zu diesem Beruf aussagt (Kindergärtner sollten nicht nebenberuflich Vergewaltiger sein) – in diesem Bereich bleiben.