Unschweigsam

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Die Schlange

  • 2. Dezember 2011 20:52

Stellt euch vor, da wär eine Schlange,
die traurig ihr eigenes Muster betrachtet.
Es ist bunt und schön, doch es passt nicht zu ihr,
es ist nicht, was sie zu sein trachtet.


Stets fühlte sie sich in ihrer Haut
wohl und gewohnt, geschützt und geborgen.
Doch leiste Stimmen zischeln ihr zu:
In dir liegt ein anderes Muster verborgen.


Das ist nicht neu, das ist langsam gewachsen,
war dir stets nah, ist nur gut cachiert.
Sie kennt nicht das Muster, das sie bezeichnet,
sie fürchtet ein wenig, was nun passiert.


Wird sie bereuen, wenn sie sich nun häutet?
Kann sie zurück, ist es erstmal geschehn?
Sollte sie nicht doch vorsichtshalber,
nur für eine Weile gehn?


So denkt die Schlange, die langsam sich häutet
- und was da noch liegt, war ein Teil von ihr.
Wie kann es sein, dass es ihr nichts mehr bedeutet?
Dass sie ohne Schutz nicht verletzt ist und friert?


Sie schlängelt sich weiter, sieht zurück auf die Hülle.
Stets brauchte sie ihre Haut doch mehr,
als diese Haut je ihrer bedurfte
- dennoch wirkt diese Hülle nun fahl und leer.


Der Vergleich ist poetisch, doch er hinkt.
In mir wird berechtigter Widerspruch laut,
bezeichne ich ihn, der so für sich allein stand
nur als spröde, dröge Haut.


Ich weiß, dass er jemanden finden wird,
der sein Muster schätzt und liebt.
In ihren Augen wird sein Muster sich spiegeln,
Und er wird erfüllt sein, weil er sie umgibt.


Ich sage es, weil ich es meine und wünsche.
Und trotzdem sind Tränen in meinem Gesicht.
Ich schlucke bei “für immer”. Ich hasse “nie mehr”.
Weil alles schmerzt, wenn es endgültig ist.

Wohlfühlen

  • 9. September 2011 19:24

So. Seit mehr als einer Woche bin ich nun hier.

Die großen Veränderungen sind nicht eingetroffen. Ich bin leise bei der Arbeit, stelle nur vorsichtig meine Fragen und verhalte mich ab und zu genauso unsicher, wie ich das meistens tue, wenn ich irgendwo neu bin.

Ein Neustart wäre eine leichtere Sache, wenn er einen in etwas Vertrautes reinwerfen würde.

 

Es hat sich also nichts geändert?

Doch. Ich fühle mich wohl.

Ich fühle mich nicht einsam und verletzlich und verunsichert, sondern einfach nur neu.

Ich habe Kolleginnen, die so lieb auf einen zukommen und so geduldig dämliche Fragen beantworten, dass man sich einfach angenommen fühlen muss.

Ich habe ein Zimmer, in dem ich mich zu Hause fühle.

Ich habe eine Monatskarte, die mich trocken in die Stadt bringt.

Ich habe wahnsinnig viele Seen um mich, was mich irgendwie glücklich macht.

Ich hab daheim Freunde und eine Familie, die mir irgendwo Halt geben und sogar Post geschickt haben.

Ich habe eine Arbeit, die man bisher noch nicht als anspruchsvoll bezeichnen kann, aber die gute Chancen hat, es noch zu werden.

Und ich habe das Gefühl, das das hier eine gute Entscheidung war.

Neustart

  • 28. August 2011 22:40

Morgen ziehe ich um. Wuhu! Ich bin noch nie umgezogen.

Ich bin so gespannt, wie es ist, alleine in Schwerin zu sein.

 

Ich habe sogar meinen Minirock eingepackt. Den trage ich praktisch nie. Meine Mutter hat ihn mir mal gekauft, als ich etwa vierzehn war. Wenn es um Schuhekauf und Mode geht, steht meistens meine Mutter hinter mir, um mich mit allen Mitteln zum Einkaufen zu bewegen.

Jetzt jedenfalls habe ich ihn trotzdem eingepackt.

Ich bin in einer neuen Stadt, kein Schwein kennt mich. Niemand kann sagen “Das passt gar nicht zu dir”, weil niemand mich kennt. Niemand denkt sich “Das ist doch die, die früher mal mit Braids rumgelaufen ist – jetzt hat sie den nächsten Knall!”. Niemand wird mich angucken und den Kopf schütteln.

Naja, letzteres vielleicht doch, wenn ich es allzu bunt treibe.

Aber bis dahin kann ich auch mal einen Minirock anziehen. Ich kann verhanden. Ich kann Kajal verwenden. Ich kann Leute ansprechen, die ich gar nicht kenne, um ätzend banale Smalltalk-Themen mit ihnen zu beplaudern. Ich kann also jede Menge Dinge tun, die ich normalerweise nicht tue.

Vielleicht bleibe ich bei vielem an meinen inneren Barrieren stecken. Aber alle äußeren Barrieren – die Erwartungen, die Blicke, die Beziehungen, das “soetwas hat sie doch noch nie gemacht”, das fällt jetzt plötzlich weg.

 

Ich will mich nicht unbedingt ändern. Aber ich möchte sehen, ob ich auch anders sein kann. Wahrscheinlich werde ich mir dabei irgendwann unsympatisch werden. Und dann kehre ich einfach zu dem zurück, was ich jetzt bin. Mit dem Unterschied, dass ich mich frei – im Wissen meiner Optionen – dazu entschieden habe.

Mäuse

  • 15. August 2011 18:00

Ich habe am Freitag meinen zweiwöchigen Ganztags-Babysitterjob hinter mir gelassen. Das heißt, noch nicht vollständig – ein paar mal werde ich in der nächsten Woche nochmal nach Erlangen fahren, um einige Stunden auf die zwei Mäuse aufzupassen. Aber jeden Tag um acht Uhr hin und um halb sechs wieder nach Hause, das ist jetzt erstmal erledigt.

 

Ich vermisse die Kleinen schon jetzt. Die Kinder, auf die ich bisher aufpassen musste, waren nicht unter vier. Jetzt hatte ich erstmals eine Einjährige und eine Zweieinhalbjährige. Mäuse eben.

 

Am ersten Tag saß ich im Sitzsack, hatte die Kleine im Arm und die große kletterte auf meinen Rücken. Beide waren noch etwas verschnupft. Folglich sagte der Vater mir abends: “Oh, die Kleine hat dir etwas aufs Hemd gerotzt” und die Große gab stolz zurück “Und von mir hat sie was am Rücken!”

 

Was hab ich in den zwei Wochen so gelernt?
Ein bisschen was darüber, wie das mit Pädagogik in Theorie und in Praxis ist.
Natürlich sollen die Mäuse zum Beispiel schon ein paar Entscheidungen treffen und eine eigene Meinung vertreten. Das ist super.
Was aber, wenn die Einjährige entscheidet, dass sie gerne in einem der normalbeseiteten Büchern blättern möchte – statt in den Kartonbüchern, die sie nicht ratzfatz zerknickt und zerreißt?
Was, wenn die Zweijährige die Meinung vertritt, dass ihre Förmchen auf dem Spielplatz von keinem anderen Kind angefasst werden dürfen, während sie schaukelt?
“Möchtest du vielleicht aufhören, das Buch zu gefärden, und stattdessen lieber dieses hier durchblättern, ja? Guck mal, da ist eine lustige Ente drauf!” ist, bösartig betrachtet, eine manipulative Suggestivfrage.
“Wenn du ihm die Schaufel lässt, dann würde er sich so freuen. Und ich gehe dafür auch mit dir balancieren!” ist eine Bestechung. Auch das ist nicht sonderlich pädagogisch.
Ich weiß nicht, wie die Ideallösung aussieht. Ich denke, wenn es um große Fragen und dauerhafte Lösungen geht, dann sollte Erziehung nicht auf Ablenkung, Manipulation und Bestechung beruhen.
Gleichzeitig haben beide auf diese Weise erstmal gesehen, dass man auf ein Buch und eine Schaufel verzichten kann, und trotzdem nicht leer ausgeht. Dass Kompromisse auch Spaß machen können.
Vielleicht ist das auch eine notwenige Lektion, bevor Argumente überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen können.
Ich weiß nicht.
Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass zu strenger Idealismus zu Tränen und zerrissenen Büchern führt, aber nicht wirklich zu einem Lerneffekt.

 

Ich habe aber auch anderes gelernt.
Zum Beispiel, dass ein kleines Mädchen ganz sicher sein kann, nicht aufs Klo zu müssen – und man zwei Minuten später mit ihr vom Spielplatz wieder nach Hause eilt, weil die kleine Blase es sich doch anders überlegt hat.
Dass Kartoffelbrei jede Fleischbeilage in den Schatten stellt.
Dass die Welt kurz vor dem Zusammenbruch ist, wenn der richtige Schnuller fehlt.
Dass es mir mehr als ihr wehtut, wenn ich die Große anmaulen muss.
Dass die Frage “Hab ich Entenfüßchen?” das Vertauschen der Schuhe an den Füßen betrifft.
Dass der Regenbogenfisch niemals langweilig wird.
Dass für eine einjährige Maus alles unter “Mama” fällt, was sich bewegt und über 1,50m ist.
Dass es gar nicht leicht ist, eine kleine, liebe, ruhig spielende Maus nicht zu vernachlässigen, wenn eine große, wilde Maus Aufmerksamkeit fordert.
Dass die großen und kleinen Geschäfte auf dem Klo Gesprächsinhalt für die ganze zehnminütige Sitzung bieten.
Dass jedes Vorlesen und Bilder-Angucken durch ein paar Fragen nach dem Grund aufgelockert werden (“Guck mal, das ist ein Prinz” “Warum?”)
Dass Küchen-Schubladen und Schlafzimmer-Schränke einfach niemals offen stehen sollten – zum einen, weil dann der gesamte Inhalt mit großer Freude herausgeräumt wird, zum anderen, weil kleine Hände viel zu schnell eingezwickt sind.
Dass man beim Wickeln grundsätzlich zwei bis drei Hände zu wenig hat.
Dass die Trefferquote eines selbstgeführen Löffels ausgesprochen gering ist. Hinterher ist wohl mehr Kartoffelbrei im Ohr, an der Stirn und auf dem Boden, als im Magen.
Dass ein Bobbycar nicht geteilt wird. Die Förmchen und die Schaufel vielleicht ausnahmsweise. Aber beim Bobbycar endet jede Freundschaft.
Dass auch ein kaltes Essen auf dem Teller nochmal bepustet werden möchte.
Dass kleine Mäuse manchmal nur einschlafen, wenn sie im Stehen auf dem Arm gehalten werden. Wehe, man setzt sich hin!
Dass es mehr Spaß macht, ein Kuscheltier zu werfen, als damit zu kuscheln. Sowie es auch lustiger ist, auf den Buchseiten rumzuklatschen und den Text zuzuhalten, als sich vorlesen zu lassen.
Das alle Wildheit plötzlich enden kann, wenn man Vorgesungen bekommt.
Dass auch eine Zweijahrige verblüffend geduldig mit ihrer kleinen Schwester reden kann und ausgesprochen rücksichtsvoll sein kann.
Dass es völlig egal ist, wenn kleine Mäuse einem ins Gesicht niesen, wild sind, Aufmerksamkeit fordern, ihr drittes Shirt heute eingesaut haben, nur unwillig Zähne putzen, die Milch verschütten und einen abends erschöpft und mit besabberter Jacke gehen lassen – man hat sie ja doch lieb.

Rechtfertigung

  • 27. Juli 2011 20:06

Ich habe gerade wieder Christians Verweigerungs-Schreiben für die Bundeswehr auf meinem Computer entdeckt.

 

Ich finde es witzig, dass junge Männer bis vor kurzem eine Rechtfertigung dafür abgeben musste, wieso sie nicht durch Schlamm kriechen, schweres Gepäck tragen, unbequem übernachten und unfreundlich behandelt werden wollten – während es keines Worts der Erklärung bedurfte, wenn jemand unbedingt eine Waffe in der Hand halten wollte.

Schwerin, Schwerin…

  • 24. Juli 2011 14:37

…wir fahren nach Schwerin.

 

Die Wohnungssuche ist beendet. Kurz vor der Verzweiflung.

 

Ich stand die ganze Zeit unter Strom, weil sich kein Lichtblick zu zeigen schien. Ich habe etliche Seiten durchforstet und Leute angeschrieben, Absage um Absage bekommen und wieder von vorne angefangen. Die Traum-WG stellte sich als wenig traumhaft heraus, einige Wohnungen als viel zu weit draßen, die “Kochecke” bestand aus einem Wasserkocher und wenn etwas günstig war, dann war es kurz vor dem Auseinanderfallen. Und nach einem Tag voller Besichtigungen war ich müde und kaputt und keinen Schritt weiter.

 

Diese Prozedur hatte ich jezt einige Male.

 

Christians Mutter meinte zu mir, dass würde schon werden. Immerhin sein auch ihre Kinder nach einiger verzweifelter Suche alle gut untergekommen.

Marie hat mir Mut zugesprochen und war sich sicher, dass alles gut ausgeen würde.

Christian meinte, wenn die Wohnung die richtige wäre, würde ich das merken.

Dummerweise habe ich jede Mal, wenn ich das von einer Wohnung dachte, noch am gleichen Abend eine Absage bekommen.

 

Ich bin am Donnerstag wieder nach Bayern gefahren. Ich hatte eine Unterkunft, bei der ich einen Vertrag bekommen würde. Sie war nicht herausragend. Man konnte dort eben recht gut unterkommen und sie war nicht ewig weit von meinem Arbeitsplatz entfernt. Aber sie war definitiv nicht das, was ich mir erträumt hatte. So, dachte ich, damit ist das beendet. Sie haben alle geflunkert, Marie und Christian und Christians Mutter. Es hat sich nicht in Wohlgefallen aufgelöst.

Ich hatte noch zwei WGs, die mir noch keine ausdrückliche Absage gegeben hatten. Eine davon hatte ich ziemlich schnell ausgeschlossen. Bei der anderen sah ich eine Möglichkeit, aber nur eine Kleine.

 

Am Freitag hat dann die erste angerufen. Ich machte mich auf eine Absage gefasst, machte ein gelassenes Gesicht, nahm den Hörer ab und antwortete mit ruhiger Stimme. Und dann haben sie mir zugesagt.

Ich war relativ perplex und habe wohl nicht mit dem freudigen Geschrei reagiert, dass sie erwartet haben. Ich hab das noch nicht ganz verdaut. Gestern Abend, kurz vor dem Einschlafen, ist es mir mal kurz klar geworden, und ich habe mich unheimlich gefreut. Aber eigentlich habe ich immer noch Angst, dass sie plötzlich anrufen und alles wieder zurücknehmen. Ich habe ja bisher nur ihre mündliche Zusage.

 

Wenn ich vernünftig bin, weiß ich, dass sie nichts zurücknehmen werden. Und dann steht es also fest.

Am ersten September, in einem guten Monat, werde ich in einer supertollen WG leben, weit weg von zu Hause. Ich werde mich morgens auf mein Fahrrad schwingen, zur Landesvereinigung für Gesundheitsförderung fahren und arbeiten. Ich werde jede Menge neue Gesichter und Namen lernen müssen, meine Familie und meine Freunde erstmal nur noch über Skype zu sehen bekommen, meinen Papierkram alleine organisieren müssen und erstmals auf meinen ganz eigenen zwei Beinen stehen.

 

Das wird… spannend.

Schreibfreudig

  • 9. Juni 2011 17:44

Die ganze Kollegstufe lang habe ich kaum geschrieben. Manchmal vielleicht eine Kolumne. Aber nicht das, was ich eigentlich gerne mache: Geschichten schreiben. Für Kolumnen braucht man nur ein Thema. Für Geschichten braucht man Ideen. Und unter dem Druck und dem Stress der Kollegstufe fiel mir das nicht leicht.

 

Jetzt kann ich mich endlich erstmals wieder an meinen Roman setzen. Ich musste ihn erst wieder vollständig durchlesen, um reinzukommen. Erstaunlicherweise gefällt er mir immer noch.

 

Gut. Wo ich mir also für heute vorgenommen hatte, den Roman wieder ein gutes Stück weiter zu bringen, überkamen mich auch promt Ideen… zu einem völlig anderen Thema. Und so steht jetzt bei den Geschichten auch eine Kurzgeschichte über Frau Martens.

 

 

Klingt der Eintrag heute irgendwie arrogant? Ein bisschen schon, ne?

Entdeckungen

  • 15. Mai 2011 15:20

Es gab zwei Dinge, die mich die letzten Wochen davon abgehalten haben, größer Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen.

 

Zum einen habe ich so richtig aufgeräumt.

Jawohl, ich.

Wer mich persönlich kennt, weiß, dass das eine Erwähnung wert ist.

Ich habe, als mein Abi rum war, das fünfte bis elfte Schuljahr auf einen Ordner zusammengebracht. Darin habe ich ein bisschen was an Erinnerungen und Wissenswertem aufgehoben. Der Rest hat die Schmierpapiervorräte meines Vaters und den Papiermüll gefüllt.

Zur Zeit miste ich ein wenig meine Kindergarten- und Grundschulordner aus, als nächstes kommt die Kollegstufe dran.

Meine Schränke, meine Fotoalben, die Kisten auf dem Schrank und hinterm Sofa… dort bin ich auch wild am sortieren. Ich habe bereits einen Wäschekorb voll mit Sachen für Oxfam.

 

Der zweite Grund, wieso ich kaum am Computer saß, war eine ziemlich nervige Grippe, die mir noch immer ein wenig die Stimme raubt.

Während die Grippe eher wenig Erstaunliches ans Tageslicht gebracht hat, ist das Aufräumen bisweilen eine ziemlich interessante Angelegenheit. Ich habe beispielsweise einen Brief entdeckt, den ich mir in der dritten Klasse selbst geschrieben hatte. Geplant hatte ich damals einen “Brief durch die Zeit”, bei dem ich meinem zukünftigen Ich hallo sagen kann. Viel mehr als ein “hallo” fiel mir dann aber auch nicht ein, deshalb ist er ein wenig auf dem Niveau “Wir geht es dir? Mir geht es gut.” geblieben. Trotzdem gefällt mir die Idee.

Ich hatte ihn schon einmal wiedergefunden, als ich in der siebten Klasse war, und einen neuen Brief mit in den Umschlag gelegt. Darin steht zum Beispiel, dass ich gar nicht mehr wüsste, dass ich ihn je geschrieben hatte.

Auch diesmal war ich wieder völlig ahnungslos, als ich den Umschlag öffnete. Und natürlich kam wieder ein weiterer Brief in den Umschlag, bevor ich ihn mir gut versteckt habe.

 

Außerdem habe ich meine früheren Schreibversuche wieder entdeckt. Eine Geschichte habe ich gleich mal bei den sonstigen Texten eingetragen :)

Wählt Französisch.

  • 31. März 2011 00:37

Ein Sache, die ich an meiner Schule besonders geschätzt habe, waren die vielem Wahlmöglichkeiten.

Ab der fünften Klasse hieß es: Deutscher Unterricht oder bilingual?

Ab der siebten: Französisch oder Latein?

Ab der neunten: Spanisch oder Chemie?

Ab der zehnten: Kunst oder Musik?

Ab der zwölften schließlich durfen wir auch noch unsere Leitungskurse und Grundkursfächer wählen.


Diese Entscheidungen hießen aber immer auch, dass man viel Gelegenheit zum Bereuen hatte.

Ob ich nun im englischen Geschichtsunterricht saß, französische Grammatik paukte, mir zum dritten Mal von Christian Chemie erklären ließ oder vom meinem Deutsch-LK genervt war: Es gab nach fast jeder Entscheidung einen kurzen Moment, in dem ich dachte: Wieso wollte ich das nochmal unbedingt so?


Insbesondere nach meiner Entscheidung für Französisch hielt sich dieser Gedanke recht hartnäckig. „Nulla poena sine lege“ und das Kommultativgesetz gaben mir immer das Gefühl, die Lateiner wären klar im Vorteil.

Als sich unsere Englischlehrerin dann im letzten Jahr standartmäßig an die Lateiner wandte, wenn es darum ging, eine Vokabel zu verstehen, lernte ich aber langsam die einfachen Regeln der Lateiner. Egal, um welche Vokabel es ging: Sie hängten voll des Selbstbewusstseins ein -are dran und sagten dann, dass sie die konkrete Bedeutung jetzt aber nicht parat hätten.

Accumulate? „Accumulare, aber ich bin mir nicht sicher, was das heißt.“

Abbreviate? „Abbrevare, das bedeutet… warten sie, gerade hatte ich es noch… ach, jetzt hab ich‘s vergessen.“

Doch das reichte schon, um unser Englischlehrerin ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.

Innerhalb von fünf Jahren haben die Lateiner offensichtlich nichts anderes gelernt, als mit einem überzeugenden Gesichtsausdruck ein -are hinter die Wörter zu hängen.


Ich habe auch in Norddeutschland einmal Maries Oberstufen-Lateinunterricht besucht. Ein Text wurde auf den Overheadprojektor gelegt, und die ganze Stunde lang geschah nichts, als dass Betonungen durchgesprochen wurden. Die Begründung für die Betonung lief dabei jedesmal nach den gleichen offensichtlichen drei Schemata ab. Und trotzdem brachte es nur ein Bruchteil der Schüler fertig, sich zu melden. Marie meinte, dass hätte mehr was mit Motivation zu tun.

Hätte ich in Französisch die Gelegenheit gehabt, dermaßen billig Punkte abzustauben – ich denke, ich wäre motiviert gewesen. Stattdessen stammelte ich der Klasse verzweifelt auf französisch die Entstehung der Institutionen der EU vor – um dann mit 2,53 Französisch doch nur mit einer drei abzulegen.


Die Erzählungen meines Vaters, wie er durch den Lateinunterricht gekommen ist, haben meiner Sichtweise nun auch nicht gerade gut getan.


Meine Achtung vor den Lateinern schwandt damit etwas – und damit auch das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben.

Ich kann deshalb nur raten: liebe Kinder, nehmt Französisch.

- Man kann später etwa genausoviele Worte ins Englische oder Spanische ableiten.

- Es gibt ständig Möglichkeiten, einen Austausch zu machen.

- Trotz meinen Berührungen mit dem Lateinunterricht habe ich mir sagen lassen, dass Latein kein angenehmes Fach ist

- Im späteren Leben kann man sich mit deutlich mehr Menschen auf französisch unterhalten denn auf lateinisch.

- Die französische Grammatik ist auch nicht ätzender als die lateinische

- Alles, was du an lateinischen Vokabeln dadurch verpasst, kannst du im Zweifelsfall durch das Anhängen eines -are ausgleichen :)

Wie man durch den Deutschunterricht kommt.

  • 30. März 2011 23:49

Mein Bruder hat mal angezweifelt, ob es sinnvoll ist, eine Erschließung zu schreiben, die um ein Vielfaches so lang ist wie der Ausgangstext.

Manchmal ist so eine Analyse und Interpretation sinnvoll, ja. Sie kann einen neuen Blickwinkel geben. Sie kann zeigen, wie der Autor eine bestimmte Sprache dazu verwendet, dem Leser ganz subtil irgendwelche Bilder und Gefühle ins Hirn zu schummeln. Manchmal sind Interpretationen wirklich klasse.

In sehr vielen Fällen wird bei der Erschließung allerdings mehr interpretiert, als der Autor wahrscheinlich je sagen wollte. Und phantastische Gedichte, die wirklich Spaß machen, wenn man sie einfach nur ließt oder hört, werden so lange zerkaut und wiedergekäut, bis sie allen Geschmack verloren haben.

Und dann gelten nur noch ein paar Regeln des Deutschunterrichts, bei denen es darum geht, das wenige, was man zu sagen hat, möglichst hochtrabend auszudrücken.  Und für alle, die noch nicht wissen, wie man aus einem kurzen Gedicht seitenlange Aufsätze rausholt, hier vier Tipps:

  • Es gibt dutzende Stilmittel, und es lohnt sich nicht, alle zu beherrschen. Du wirst eh immer nur sehr wenige finden, und jedes einzelne kann sehr unterschiedlich interpretiert werden. Zwei Stilmittel hingegen finden sich mit Sicherheit in jedem Text, und sie sind beliebig leicht zu deuten. Beherrsche diese beiden:

„Parataxe“: Etwas besteht aus lauter Hauptsätzen. Das sind die ohne Komma. Parataxen sorgen dafür, das Sätze leichter zu verstehen sind. Wenn es sehr kurze Sätze sind, wirken sie außerdem hektischer oder kurz angebunden.

„Hypotaxe“: Die Sätze enthalten Nebensätze. Nebensätze sind die, bei denen das Verb hinten steht. Sie machen einen Text anspruchsvoller. Sie liefern Bezüge, wodurch der Text logischer wird, können einen Text aber auch unnötig kompliziert machen, wenn er dadurch verschachtelt wirkt.

Es ist nicht wichtig, ob diese Stilmittel wirklich aussagekräftig für den Text sind. Es ist nicht wichtig, dass man die dubtileren Methoden eines Autors selten mithilfe der zwanzig Stilmittel findet, die man im Unterricht standardmäßig lernt. Wichtig ist, dass du Stilmittel findest und interpretierst.

  • Mache dir klar: Schriftsteller sind Künstler. Deshalb kannst du meistens davon ausgehen, dass sie eine Betonung auf Individualität, Bewusstsein oder kritisches Denken legen. Du musst den Autoren nicht ernsthaft nachvollziehen. Die Botschaft muss nicht bei dir ankommen. Schreib einfach ein paar gewöhnliche Beweggründe dieser Zeit.

  • Autoren haben immer recht. Selbst, wenn all ihre Zeitgenossen sie bereits bescheuert fanden – dann waren sie eben missachtet und missverstanden. Sobald sie in deinem Deutschunterricht auftauchen, sind sie per Definition großartig.

  • Jeder Text hat eine tiefere, zweite Bedeutung. Selbst, wenn sie noch so weit hergeholt ist und die Gründe dafür fadenscheinig sind. Kein Autor ist je auf die Idee gekommen, einfach das zu schreiben, was er sagen wollte. Interpretiere, was das Zeug hält.


Ein paar Anwendungsbeispiele:

  • Du bekommst einen längeren Text, dessen Inhalt du nicht nachvollziehen kannst? Gucke dir die Satzstukutur an. Sage dann etwas wie: „Besonders auffällig ist, dass bereits der Eingangssatz eine hypotaktische Konstruktion enthält, der den Text anspruchsvoll und koherent erscheinen lässt.“

  • Du bekommst ein Gedicht von Gottfried Benn, das richtig ekelerregend und abstoßend ist? Sag bloß nicht, dass du es bescheuert findest. Sag, dass der Autor eine besondere Beziehung zu prekären Themen hat. Er möchte das Leiden des Individuums hervorheben, ein Bewusstsein für das Hässliche schaffen und das kritische Denken fördern. Und das findest du toll.

  • Du bekommst ein Gedicht, indem irgendetwas mindestens zweifach vohanden ist? Zwei Segel, zwei Blümelein – egal was: Hier geht es nicht um Segel oder Blumen. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen. Vielleicht hat es auch eine sexuelle Komponente.

Ich möchte bitte anmerken: Ich mag das Fach sehr (deshalb habe ich es ja als Leistungskurs gewählt), ich habe Hochachtung vor einigen Deutschlehrern und mir hat insbesondere das letzte Jahr meines Deutsch-LKs sehr gefallen. Dieser Text spiegelt mehr meine Enttäuschung darüber, dass es auch ganz anders laufen kann – was ich insbesondere im ersten Jahr Deutsch-LK, damals noch mit einer anderen Lehrerin, gemerkt habe.