Unschweigsam

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schöner unterwegs

  • 7. Juli 2010 16:24

Neulich war ich auf Chor- und Orchester-Freizeit. Das heißt, soviel Freizeit ist das eigentlich gar nicht: man probt einfach zwei Tage lang von früh bis spät alle Stücke, die auf dem Sommerkonzert aufgeführt werden sollen. Trotzdem war es bisher immer recht amüsant.

Auf der Heimfahrt kamen wir dann in einen Stau. Alles stand. Der Motor brummte leise weiter. Erste Stimmen kamen auf, wir sollten den Motor ausmachen. Keine Reaktion. Dann drang langsam die Begründung durch: die Klimaanlage ginge aus, wenn der Motor abgeschaltet würde. Zugegeben, an dem Tag war es recht heiß und stickig im Bus und die kühle Brise von oben tat gut.

Ich war positiv überrascht, als alle um mich einstimmig und augenblicklich zustimmten, dass sie auf die Klimaanlage verzichten könnten. Ein Gang zum Busfahrer später waren Motor und Klimaanlage aus.  Lautes Jubeln.

Wir vertrieben uns eine Weile mit Black Storys und Gruppenspielen die Zeit, da rief einer in ernstem Ton, aber mit einem Grinsen in der Stimme: “Leute, seht mal bitte alle aus dem rechten Fenster!”

Wir taten wie uns geheißen. Dreißig Meter entfernt, auf dem Rasen neben der Autobahn, entleerte ein Mann seine Blase.

Okay, das ist eigentlich gar nicht so übermäßig lustig. Oder außergewöhnlich. Trotzdem war es ulkig zu beobachten, wie er sich immer wieder nach links und rechts absicherte, ob auch keiner guckte, und dabei die begeisterte Busladung Jugendliche in seinem Nacken nicht bemerkte. Er pinkelte ungewöhnlich lange, was für Gesprächsstoff im Bus sorgte. Dafür, dass wir eigentlich gerade im Stau standen, war es doch recht unterhaltsam.


Vorgestern saß ich dann im Zug nach Hause. Ich hatte eine öde Klausur hinter mir und guckte den Bäumen beim Vorbeiziehen zu, da kam eine etwa Fünfjährige mit blonden Locken und breitem Dauergrinsen auf mich zugeschossen:

“Fahrkarte?”

Ich zückte mein Portemoinnaie und zeigte ihr meinen Ausweis. “Faahn!” lautete die zustimmende Antwort. Sie drehte sich zu den zwei Jungs gegenüber: “Fahrkarte?”. Auch die wollten keine Spielverderber sein und zeigten ihre Fahrkarten bereitwillig.  Auch das wurde mich einem Nicken und einem “Faahn!” quittiert. So arbeitete die Kleine den Waggon durch.

Ich bin nicht sicher, wo ihre Mutter saß und woher die die Größe besaß, ihrer Tocher die Blödelei durchgehen zu lassen. Ich meine, alle anderen fanden es ja niedlich. Aber ich kenne genügend Mütter, die an dieser Stelle beschämt “Lass die anderen Fahrgäste in Frieden!” geschimpft hätten.

Die Kleine hatte inzwischen das Abteil durch und fing wieder bei mir an: “Fahrkarte?”. Zu meiner Freude war mein Ausweis noch immer gültig.

Zwischenen ihren Kontrollgängen durch das Abteil zeigte sich das Mädchen auch sehr hilfsbereit: Wann immer jemand ins Abteil kam, drückte sie mit aller Kraft die Tür auseinander, um dann erschöpft in der Mitte stehen zu bleiben. Klar, sie konnte jetzt ja nicht loslassen. Mit einer Hand die Tür halten ging auch nicht. Also half ihre Umgebung ein bisschen beim Festhalten der Tür und die Kleine konnte zur Seite und grinste ein “Bitteschön!” an den Durchschreitenden.

Während meiner siebenminütigen Fahrt wurde ich etwa fünf Mal ordnungsgemäß kontrolliert. Dann kam der Schaffner.  Die Jungs fanden, er könnte sich die Arbeit in diesem Abteil sparen, und machten ihre Witze. Da rannte die Kleine auch schon auf ihn zu, stellte sich breitbeinig vor ihn, legte ihren Kopf in den Nacken, grinste ihn an und fragte:

“Fahrkarte?”